Seit ihrer ersten Ankündigung in den Jahresprogrammen der beteiligten Theater hat die Produktion »Die Neger« von Jean Genet in der Inszenierung von Johan Simons für Diskussionen gesorgt. Von Aktivisten wurde besonders die der Übersetzung folgende Betitelung und das Ankündigungsfoto kritisiert.

Die Diskussionen möchten wir an dieser Stelle im Kontext der Aufführungen in Wien, Hamburg und München fortsetzen und haben daher eine Auswahl der Stimmen, die sich im Vorfeld zu der Produktion äußerten, zusammengestellt: >>
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Reaktionen von Organisationen
Pressestimmen (Auswahl)

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Zuschauerzuschriften (Auswahl)

E-Mail an das Deutsche Schauspielhaus vom 23. April 2013
Betreff:
 Aufführung „Die Neger“

Sehr Geehrte Damen und Herren,

Ich weiß nicht ob das hier die richtige Adresse ist, an die ich schreibe. Wenn mein Anliegen nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt, oder die zuständigen sich noch nicht im Haus befinden,

da die Spielzeit 13/14 noch nicht begonnen hat, bitte ich sie diese E-Mail an die zuständigen Personen weiter zu leiten. Wenn ihnen dass nicht möglich ist, bitte ich sie um Kontaktdaten der Zuständigen, damit ich sie persönlich konaktieren kann.

Über einen Freund bin ich auf die Ankündigungsseite der Spielzeit 13/14 am Schauspielhaus Hamburg, unter der neuen Intendanz von Karin Beier gestossen. Mich hat der Großteil der angesetzten Premieren sehr gefreut. Eine abwechslungsreiche Stücke- Auswahl, unterschiedliche Regie-Handschriften und sogar Spartenübergreifend. Als ich nun zum Ende der Ankündigungsseite Spielzeit 13/14 gelangte, und auf den Titel „Die Neger“ kam stockte ich. Gab es nicht vor kurzem eine Debatte, über die Streichung des Wortes in dem Kinderbuch „Die kleine Hexe“? Ich hätte mich eigentlich auf eine Inszenierung von Johan Simons gefreut, und die Arbeit könnte bestimmt auch gut werden. Wenn es nun aber um das Stück von Jean Genet geht, sollte eine neue Debatte gestartet werden.

Ich lese in ihrer Ankündigung den Satz: „Als Spiel im Spiel probieren in diesem clownesken Verwirrspiel die Neger einen Aufstand gegen die Weißen“

Das ist Rassistisch.

Wer versucht einen Aufstand? Schauspieler_innen als Afrodeutsche „verkleidet“? In welchem Land spielt dieses Stück überhaupt? Sind Menschen mit schwarzer Hautfarbe Clownesk? Was bedeutet „Aufstand gegen die Weißen“ genau?

Sie schreiben weiter in der Stückbeschreibung: „Die Inszenierung von Johan Simons, mit Schauspielern der Münchner Kammerspiele und dem Hamburger Ensemble“

Das ist ein Grund zur Freude, es ist möglich hochkarätige Schauspieler_innen in einer Inszenierung von Johan Simons in Hamburg zu sehen. Allerdings frage ich mich im Anschluss daran, wer ihrer Schauspieler_innen hat Rassismus am eigenen Leib erfahren? Wie stark wurde Johan Simons aufgrund seiner Hautfarbe in Heerjansdam, Rotterdam, Maastricht oder München ausgegrenzt? Kann er es nach empfinden wie es sich anfühlt nach etwas beurteilt zu werden, dass man nicht verstecken noch ändern kann? Wie viele Afrodeutsche Schauspieler_innen haben die Münchener Kammerspiele und das Schauspielhaus Hamburg im Ensemble? Wenn es keine Afrodeutschen Schauspieler_innen in diesen Ensembles gibt, Werden sie dann schwarz angemalt? Was hat das dann noch mit einer gesunden Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus zu tun? Wieso stellen sie überhaupt die Frage danach, welche Farbe ein Schwarzer hat? Was für einen Zweck hat diese Inszenierung? Das aufheben von gegenseitigen Vorurteilen? Was haben Afrodeutsche denn für Vorurteile gegenüber weißen Deutschen? Was haben weiße Deutsche für Vorurteile gegenüber Afrodeutschen? Glauben sie wirklich eine Gruppe von Weißen Schauspieler_innen, von einem weißen Dramaturgen-Team umgeben,kann mit einem weißen Regisseur aus Holland mit den, „Vorurteilen und Angst-Lust-Träumen auf allen Seiten“ aufräumen? Meinen sie wirklich das sie mit so einem Stoff Afrodeutsche Zuschauer gewinnen?

Ich verlange von ihnen die Absetzung dieses Stücks, wegen seinem Titel, wegen ihrer Ankündigung, wegen der von aussen betrachtet, fehlenden Auseinandersetzung mit diesem Thema. Sie sollten eine klare Stellung zu diesem Stoff beziehen, bevor sie dass auf ihren Spielplan setzen. Sie sollten sich zu keiner Diskussion bereiterklären, sondern sich eingestehen, dass die Inszenierung dieses Theaterstücks ein Rassistisches Statement ihrerseits ist. Wenn sie da anderer Meinung sind, kann ich ihnen nur ein Gespräch mit Noah Sow empfehlen. Sie wohnt auch in Hamburg und ist sicherlich bereit sich mit ihnen an einen Tisch zu setzen. Für den Fall, dass sie kein Gespräch mit Noah Sow führen möchten,würde ich ihnen wärmstens ihr Buch „Deutschland Schwarz Weiss“ empfehlen. Ich würde mich über die Antwort einer bei ihnen zuständigen Person freuen, vielleicht haben sie ja mehr Antworten als ich glaube auf all die Fragen die ich ihnen gestellt habe. Wenn sie mir nicht zurückschreiben gehe ich davon aus, dass sie diese E-Mail nicht erhalten haben und werde sie in anderer Form erneut an sie schicken. Aber bis zum Probenbeginn im März 2014 ist ja noch etwas Zeit.

Mit freundlichen Grüßen
Vincent Heppner

Dieser Briefwechsel wird von mir öffentlich geführt. Mein Schreiben sowie Ihre Antwort werde ich zu Zwecken der Dokumentation und Aufkärung veröffentlichen.

Antwort des Produktionsteams vom 29. April 2013

Lieber Vincent Heppner,

herzlichen Dank für Ihre E-Mail vom 23. April, die mir unter anderem auch einige Fragen aufgegeben hat. Zum einen: Kennen sie Jean Genet und kennen Sie sein Stück „Die Neger“? (Französischer Originaltitel „Les Négres“). Zugegeben die bisherige Inhaltsangabe ist sehr knapp, aber Rassismus ist Gegenstand dieses Stückes aus dem Jahre 1958, es ist von einem weißen Autor für ein weißes Publikum geschrieben – gegen Rassismus. Die Frage „Was ist eigentlich ein Schwarzer. Und zu allererst, welche Farbe hat er?“, stellt Genet selbst im Vorwort zum Stück, wobei er, der mit der damaligen „Black Panther Bewegung“ sympathisierte, auch sagt: „Ich konnte mich nur den farbigen Unterdrückten anschließen, die gegen die Weißen revoltierten. Gegen alle Weißen. Ich bin vielleicht ein Schwarzer, der eine weiße oder rosa Hautfarbe hat.“ Das ist eine Position, die kann man akzeptieren oder angreifen, Genet begriff sich selbst als Außenseiter, der generell mit Revoltierenden sympathisiert, die sich gegen Unterdrückung auflehnen. Es ist auch Genet, der das Stück als Clownerie bezeichnet, obwohl es ihm mit der Verhöhnung rassistischer Klischees todernst ist. Wenn Sie mir eine Postadresse nennen, schicke ich Ihnen das Stück gerne zu, sowie unseren kompletten Spielplan für die Saison 2013-14, der sich in vielen Positionen mit dem Thema Kolonialismus und Postkolonialismus auseinandersetzt. In diesem Zusammenhang erscheint mir Ihre Forderung, das Stück vom Spielplan abzusetzen, tatsächlich absurd, gerade, weil es sich explizit gegen Rassismus wendet. Ihre andere Frage, inwieweit weiße Regisseure, Dramaturgen, Schauspieler sich mit diesem Stück auf der Bühne auseinandersetzen können und dürfen, kann man sicherlich kontrovers diskutieren, und diese Frage werden wir im Rahmen der Inszenierung, auch auf der Bühne thematisieren und reflektieren. Bis dahin vergeht allerdings noch über ein Jahr, dann kann und möchte ich die Diskussion mit Ihnen gerne fortsetzen. Jetzt muss ich mich aber erst einmal auf die Eröffnung der Spielzeit 13-14 konzentrieren, die Sie vielleicht auch interessiert: Im Antikenzyklus „Die Rasenden“, den Karin Beier inszeniert, beschäftigen wir uns mit Schnittstellen zwischen Religion und Politik (Premiere 15. November) und am 16. November wird Friederike Heller unter dem Titel „Nach Europa“ ihre Bearbeitung des Romans „Drei starke Frauen“ von Marie NDiaye herausbringen. Vielleicht haben Sie Lust, diese Vorstellungen zu sehen? Wir würden uns freuen.

Mit herzlichem Gruß
Rita Thiele

P.S. Mit Noah Sow, deren Buch ich kenne, werden wir im Vorfeld der Inszenierung sicher Kontakt aufnehmen; wir planen zu ihrem Thema – neben der Inszenierung – auch andere Veranstaltungen.
Rita Thiele
Chefdramaturgin,
Stellvertretende Intendantin

Schauspiel Köln
Offenbachplatz
D-50667 Köln

Tel.: +49(0)221-221-27314
Fax: +49(0)221-221-28475

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E-Mail an das Schauspiel Köln und die Münchner Kammerspiele vom 30. April 2013
Betreff: Jean Genet Hamburger Pläne Saison 2013/2014

Atif Hussein, Berlin

An

Frau Intendantin Karin Beier, Schauspiel Köln und

Herrn Intendanten Johan Simons, Kammerspiele München

Zur freundlichen Kenntnisnahme durch Frau Rita Thiele und Herrn Koen Tachelet.

Berlin, 29. April 2013

Sehr geehrte Frau Beier, sehr geehrter Herr Simons, sehr geehrte Frau Thiele, sehr geehrter Herr Tachelet,

mit Besorgnis nehme ich zur Kenntnis, daß Sie für die nächste Saison, die erste Saison Ihrer Intendanz, Frau Beier, am (Deutschen) Schauspielhaus Hamburg eine Neuinszenierung von Jean Genets „Les Negres“, offensichtlich in deutscher Sprache, planen.

Mit Besorgnis. Denn offensichtlich wird Genets Text von weißen europäische Theaterschaffenden mit weißen europäischen Schauspieler_innen für ein weißes europäisches/ internationales Publikum (?) in Szene gesetzt werden. Genet schrieb sein Stück unter dem Eindruck der ‚damals‘ seit geraumer Zeit andauernden Befreiungsbewegungen und Befreiungskriege der Menschen in den kolonialisierten Staaten und anderer weltweit voranschreitender Emanzipationsbestrebungen bis dahin Unterdrückter. Genet schrieb sein Stück im Auftrag/ auf Bitten eines Regisseurs für ein Schwarzes Schauspieler_innen-Ensemble. Für Genet wurde die Bedingung, daß sein Stück von Schwarzen für weiße Menschen aufgeführt wird, essentiell: Er erhoffte sich einen radikalen Umsturz, eine Umkehr des bis dahin hegemonial-weiß-geführten Diskurses, nichts weiter als eine Revolution. „Das Stück ist“ schrieb Genet, „Schwarzen Darstellern auf den Leib geschrieben und für weiße durchaus ungeeignet.“ Und Genet schrieb: „Dieses Stück, ich wiederhole es, ist von einem Weißen für ein weißes Publikum geschrieben. Aber wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, daß es vor einem Schwarzen Publikum gespielt wird, müßte man für jede Vorstellung einen Weißen einladen – ganz gleich ob männlich oder weiblich. Der Veranstalter des Theaters wird ihn feierlich begrüßen, ihn in ein zeremonielles Gewand kleiden und ihn zu seinem Platz geleiten, am besten in der ersten Orchester-Reihe Mitte. Es wird für ihn gespielt. Dieser symbolische Weiße sollte während des gesamten Abends von einem Scheinwerfer angestrahlt sein. Und wenn kein Weißer zu dieser Vorstellung bereit ist? Dann soll man an das Schwarze Publikum beim Betreten des Saales Masken von Weißen verteilen, und wenn die Schwarzen sich diesen Masken verweigern, benutze man eine Puppe.“

Über Jean Genets Bedingungen für die Aufführungen seines Stückes setzten sich die weißen deutschen Theatermacher Gerhard F. Hering (obgleich in Poznań geboren) und Peter Stein hinweg. Einem Gesuch an ein Gericht auf Unterlassung, kurz vor der Darmstädter Premiere, wurde nicht entsprochen. Im Deutschen Feuilleton wurde wie folgt reagiert: „Genet hatte sein Stück für N***rschauspieler geschrieben, und bei der Uraufführung in Paris 1959 war es auch von solchen gespielt. In einem Telegramm an die Intendanz des Landestheaters Darmstadt hatte der Autor gefordert, es müsse auch hier von schwarzen Darstellern aufgeführt werden. Da solche jedoch in Südhessen nicht in ausreichender Zahl zu finden sind und man daher auf schwarz angemalte Weiße zurückgriff, teilte der zuständige Hamburger Bühnenverlag Merlin offiziell mit, daß diese deutschsprachige Erstaufführung gegen das ‚ausdrückliche Verbot‘ Jean Genets stattfinde. Wie gut nur, daß Eugéne Ionesco etwas konzilianter ist und nicht das Auftreten echter Nashornherden auf unseren Bühnen verlangt hatte.“

Nun denn, Genets Intentionen wurden zynisch auf eine Petitesse zusammengeschnurrt. Soweit 1964… Daß 2012 noch einmal ‚nachgelegt‘ wird, weist allerdings darauf hin, daß fast fünfzig Jahre später die Debatte noch immer nur weiß-hegemonial (wie oben bereits erwähnt)geführt wird: Selbst als der Dramatiker Jean Genet 1964 die deutsche Erstaufführung seines Dramas „Die N***r“ verbieten wollte, weil das Darmstädter Landestheater die Genetschen Schwarzen nicht mit waschechten solchen besetzen konnte, offenbarte der sowieso schon Mackenreiche nichts als eine Erz-Macke. Die aber seitdem unter dem Obermacken-Stichwort „Authentizität“ hie und da zu einer blödsinnigen, wiewohl virulenten Verwechslung von wirklichem Theater und wirklichem Leben geführt hat. Soweit 2012 …

Mit Besorgnis. Der sehr kurz gehaltene Ankündigungstext auf der web-site des Hamburger Schauspielhauses weist nicht auf eine fundierte Kenntnis des Themas, des Stoffes und der Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte von Genets Stück hin: „Als Spiel im Spiel probieren in diesem clownesken Verwirrspiel die N***r einen Aufstand gegen die Weißen. Der weißen Phantasie vom bösen schwarzen Mann stehen groteske Popanze der Kolonialgesellschaft gegenüber – ein raffiniertes Maskenspiel, das mit beißendem Spott sämtliche Klischees verhöhnt und mit Vorurteilen und Angst-Lust-Träumen auf allen Seiten aufräumt. Die Inszenierung von Johan Simons, mit Schauspielern der Münchner Kammerspiele und dem Hamburger Ensemble, wird die erste Aufführung dieses Stückes in Deutschland nach Peter Steins Schaubühnenarbeit von 1983 sein.“

Sehr geehrte Frau Beier, sehr geehrter Herr Simons, sehr geehrte Frau Thiele, sehr geehrter Herr Tachelet, die Tatsache, daß die Unternehmung Genets Stück zu inszenieren schon zweimal in Deutschland „schief“ ging, muß selbstverständlich kein Beweis dafür sein, daß Ihnen diesmal nicht eine tatsächliche, künstlerische, nicht-rassistische, Rassismus thematisierende, gewaltfreie, Gewalt thematisierende Annäherung an Stück, Thema und Stoff gelingen sollte. Nur fürchte ich, daß Sie das nicht werden bewerkstelligen können, wenn Sie sich nicht der entscheidenden Voraussetzungen für diese Produktion bewußt sind.

Mit Verlaub, gestatten Sie mir Folgendes: Meines Erachtens wären u.a. entsprechende Voraussetzungen dringend von Nöten: 1. ein umfängliches und detailliertes Wissen über die aggressive Expansionspolitik der Europäer seit Ende des 16. Jahrhunderts; 2. ein umfängliches und detailliertes Wissen über die Motive, Anlässe und Ursachen für die Entstehung, die Wirkabsichten und Auswirkungen der Rassentheorien, der Rassenideologien und des institutionalisierten Rassismus; 3. ein umfängliches und detailliertes Wissen über die Auswirkungen der Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents auf die kolonialisierten Menschen, deren Gesellschaften, deren Selbstverständnis, Sprachen und Kulturen, sowie die Auswirkungen auf die kolonialisierenden Menschen, deren Gesellschaften, deren Selbstverständnis deren Sprachen und Kulturen, deren Politik; 4. ein Basiswissen über die Entstehung und Bedeutung der sozial-politischen Konstruktionen ‚Schwarz‘ und ‚weiß‘ im Bezug auf Selbstermächtigungsstrategien, Dekolonisierungs- und Emanzipationsbewegungen; 5. eine Kenntnis über die Geschichte und die Geschichten der afrikanischen Diaspora/ der Menschen innerhalb der afrikanischen Diaspora.

Weiterhin müssen Sie (Der Imperativ ist hier wesentlich.) Texte und Analysen zum code noir, zum Putsch d’Alger und zur Maafa lesen. Auch folgende Werke werden Sie studieren müssen (!), sollten Sie tatsächlich einen Zugang zu Genets Stück und dessen Intention suchen: Frantz Fanon – Black Skin, White Masks (1952), A Dying Colonialism (1959), The Wretched of the Earth (Die Verdammten dieser Erde – Vorwort von Jean-Paul Sartre), (1961), Toward the African Revolution, (1964)

Hilfreich wird auch sein, die Romane, Essays, Vorträge, Gedichte, Theaterstücke und weitere Schriften von Noah Sow, Susan Arndt, Nike Thurn („Dieses Stück Genets wird jede deutsche Bühne überfordern. Jean Genets Die N***r in Deutschland“ – Ein Vortrag anläßlich des Symposiums zum 100. Geburtstag Jean Genets an der Freien Universität Berlin, 2010), Toni Morrison, May Ayim, Angela Davis, Joshua Kwesi Aikins, (sogar) Tim Wise, Dr. W.E.B.Du Bois, Wole Soyinkas, Philip Kabo Koepsel, Prof. Dr. Maisha-Maureen Eggers, Prof. Grada Kilomba und vieler weiterer mehr zu lesen.

Nun ist es so: Schon der deutsche Titel enthält enormes Gewaltpotenzial. (In englischsprachigen Ländern wird der Titel übrigens mit The Blacks „übersetzt“. Fragen Sie sich, Warum?,!) – Kaum ein anderes Wort der deutschen Sprache hat die Macht, Schwarze Menschen auf das empfindlichste, essentiellste zu verletzen. Dieses Wort ist im Deutschen das Synonym für jahrhundertelange Unterdrückung von Schwarzen Menschen durch Weiße. Es steht für Versklavung, Deportation, Mord, Völkermord … Zu behaupten, dieses Wort wäre neutral, ist die Leugnung dieser (gemeinsamen) Geschichte.

Grada Kilomba über die kontinuierliche Verwendung: „Es ist ein gutes Beispiel wie Rassismus durch eine Machtdefinition bewilligt wird, das heißt die, die Rassismus praktizieren, haben nicht nur den Glauben an das Richtige ihrer Sache, sondern auch das Privileg und die Macht zu definieren, ob bestimmte Begriffe rassistisch oder diffamierend gegenüber denen sind, die diskriminiert werden. Eine absurde Situation, da die Perspektiven, die Definitionen und das Wissen von denen, die Rassismus erleben, absolut irrelevant werden. In diesem Spiel gibt es weder Mitgefühl noch Sympathie oder Verantwortung, da die Person, die diese Begriffe benutzt, kein Interesse daran hat, was Rassismus auslösen kann. Was ihn oder sie interessiert, ist die ‚Freiheit‘ Rassismus weiter ausüben zu dürfen. Dieser Wunsch ist so groß, dass man sich zu argumentieren traut, dass das, was als rassistisch bezeichnet wird, nicht die Absicht hat, rassistisch zu sein. Ein massiver Narzissmus oder wie es Frantz Fanon so schön in seinem Buch ‚Black Skin, White Masks‘ beschreibt, ein manischer Status.“

Sehr geehrte Damen und Herren, Sie werden argumentieren wollen, daß Sie sich der antirassistischen Positionierung Jean Genets bewußt sind und genau aus diesem Grund sein Stück auf dem Spielplan steht. Ich wage zu behaupten, daß Sie nur mehr einen weiteren Beitrag zu rassistischer Propaganda leisten, wenn Sie Ihre eigene Positionierung nicht reflektieren. Darum erlaube ich mir, Ihnen zu empfehlen, das Stück entweder wieder vom Spielplan zu nehmen oder über alternative Besetzungen für Regie, Dramaturgie und Spiel nachzudenken.

Hochachtungsvoll,
Atif Hussein

Hinweis: Dieser Briefwechsel wird von mir öffentlich geführt und ich werde dieses Schreiben wie auch Ihre eventuelle Antwort zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen.

 

Antwort von Rita Thiele vom 21. Mai 2013
Betreff: AW: Brief

 Sehr geehrter Herr Hussein,

herzlichen Dank für Ihren Brief zur geplanten Genet-Premiere. Dieses antirassistische Stück, das in Deutschland dreißig Jahre nicht mehr gespielt wurde, auf den Spielplan zu setzen, erfordert selbstverständlich sorgfältige Vorbereitung, Verantwortungsbewusstsein und ein Gespür dafür, was auf der Bühne möglich sein sollte und was nicht. Wir begrüßen die Debatte, zu der Sie beitragen und werden mit dem Beginn der kommenden Spielzeit auf der Homepage beider Theater ein Diskussionsforum einrichten, das Texte zum Thema Rassismus, (Post)kolonialismus und Emanzipation versammelt und Kontroversen dokumentiert. Wir werden Ihren bereits eingesandten Beitrag berücksichtigen und würden uns auch über eine künftige Beteiligung von Ihnen freuen. Mit besten Wünschen für einen schönen Sommer und herzlichen Grüßen

Rita Thiele
(für alle Adressaten)

 

E-Mail an die Wiener Festwochen vom 1. Februar 2014
Betreff: Festwochen Stück von Jean Genet / Johan Simons

Sehr geehrtes Team der Festwochen,

ich bin schockiert im Programm ein Stück zu finden, dass nicht nur mit dem N*-Wort betitelt ist sondern sich offenbar auch der rassistischen Praxis des blackfacings bedient. In der Stückbeschreibung wird der Eindruck vermittelt, das Rassismus und Unterdrückung thematisiert werden sollen und gleichzeitig werden auf so gewaltvolle Weise Rassismen produziert und die Kritik an Begriffen und Praktiken von Schwarzen und People of Color erneut ignoriert. Eine solche Inszenierung beruht auf einer unhinterfragten Austragung weißer Privilegien, die ich für untragbar halte.

Das in dem Stück das N*Wort auch noch für „alle Unterdrückten und Diskriminierten“ verwendet werden soll, macht mich besonders wütend, wenn da durch die spezifischen Gewalterfahrungen und Rassismen die Schwarze und People of Color alltäglich erleben, banalisiert werden.

Es ist unglaublich, dass ein solches Stück im Rahmen der Festwochen inszeniert werden soll!

Ich hoffe sehr, dass Sie die Entscheidung dieses Stück aufzuführen überdenken und die Kritik von Schwarzen und People of Color an rassistischen Begriffen und Schauspielpraxen ernstnehmen. Wenn Sie diese Kritiken nicht kennen, sollten Sie es zu Ihrer Aufgabe machen, sich selbst darüber zu informieren.

Mit verärgerten Grüßen,
XXXX*

* Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte sind die Namen der Absender unkenntlich gemacht.

Antwort des Produktionsteams vom 11. Februar 2014

Sehr geehrte XXX,

herzlichen Dank für Ihre E-Mail vom 1. Februar, deren Empörung eine erste Antwort von uns verdient. Es steht außer Frage, dass das Stück „Die Neger“ (Französischer Originaltitel „Les Nègres“) 1958 von Genet als ein Stück gegen Rassismus und Unterdrückung geschrieben wurde. Falls Sie sich davon nicht in unserer Aufführung überzeugen wollen, das Stück ist nach wie vor im Buchhandel erhältlich, also jederzeit einzusehen. Was den Titel anbelangt, können wir ihre Irritation verstehen: tatsächlich markiert er Zeiten brutalster Versklavung und kolonialer Gewalt. Und wird bis heute in diskriminierenden Zusammenhängen verwendet. Allerdings nicht in diesem Stück, das diskriminierende Rassenklischees zum Thema hat und dementsprechend schon im Titel benennt. Wie dieser rassistische Begriff zur Waffe gegen den Rassismus umgeschmiedet werden kann, haben übrigens Martin Luther King (mit dem Genet Kontakt hatte und sympathisierte), aber auch afrikanische Intellektuelle wie Aimé Cesaire mit seinem Konzept der „negritude“, Lépold Senghor oder Franz Fanon gezeigt. Genet hat mit diesem Stück ein hoch komplexes Maskenspiel geschrieben. Mit welchen theatralen Mitteln wir dieses Maskenspiel umsetzen werden, wird in der Premiere Anfang Juni zu sehen sein. Sie können aber ganz sicher sein, dass die Blackfacing-Debatte der letzten Jahre nicht an uns vorbei gegangen ist, wir reflektieren viel über dieses Thema, und das wird sich sicherlich in der Inszenierung niederschlagen. Theater existiert nicht ohne Aufführungen. In diesem Sinne bitten wir, was die Vertiefung der Diskussion anbelangt, die Premiere abzuwarten.

Mit freundlichem Gruß,
Rita Thiele

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E-Mail vom 1. Februar 2014 an die Wiener Festwochen
Betreff: abstoßendes Stück auf den Festwochen

Guten Tag,

ich bin erschüttert über ihr Programm für 2014 ein Stück http://www.festwochen.at/programmdetails/die-neger/ enthält, das bodenlos rassistisch durchsetzt ist!!!

Siehe
http://de.wikipedia.org/wiki/Blackface

oder auch erst kürzlich ausführlich in den Medien besprochen
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/wetten-dass-rassismus-vorwurf-auf-twitter-und-facebook-nach-blackface-a-939188.html

Und sollten sie noch nie etwas über die N-Wort Debatte gehört haben, bitte kümmern sie sich sich um diese Wissens-/Reflexions/Denk-Lücke.
http://www.noahsow.de/blog/2013/01/19/zur-aktuellen-n-wort-debatte-stimmen-der-vernunft/
Auf Rassismus hinweisen zu wollen mithilfe von ungeheuer rassistischen Mitteln(Titel! Foto! Inhalt?!) und ein Gewaltverhältnis aus der Sicht einer weißen kulturell interessierten Theater-machenden Wohlstandsmittelschicht, derart gedankenlos zu reproduzieren.. spiegelt nicht besonders viel Beschäftigung mit dem Thema wieder.

Finde ich.

mit Grüßen,
XXX

Antwort des Produktionsteams vom 11. Februar 2014

Sehr geehrte XXX,

herzlichen Dank für Ihre E-Mail vom 1. Februar, die einige Fragen aufgibt: Kennen Sie Jean Genet und kennen Sie sein Stück? Offensichtlich nicht, denn dann würden auch Sie sicherlich nicht zu dem Schluss kommen, dass es sich hier um bodenlosen Rassismus handelt. Das Gegenteil ist der Fall, wie Sie der Inhaltsangabe ja richtig entnommen haben. Wir würden uns natürlich wünschen, dass Sie sich selbst überzeugen, indem Sie die Vorstellung besuchen, ansonsten ist das Stück ja jederzeit nachzulesen. Dass Sie der Titel irritiert, können wir verstehen. Tatsächlich markiert er brutale koloniale Unterdrückung und Gewalt: und damit sind wir mitten im Thema des Stückes, das Genet mit seinem Titel eben explizit benennt. Ansonsten können wir Ihnen heute nur versichern, dass wir sicher nicht gedankenlos und unreflektiert mit den auch gegenwärtigen Debatten über rassistische Diskriminierungen umgehen werden – im Gegenteil, die Auseinandersetzung mit Rassismus war für uns einer der Antriebe, uns mit diesem Stück zu beschäftigen. Ansonsten müssen wir Sie um Geduld bitten. Im Theater erweist erst die Aufführung den Stand der Auseinandersetzung.

Mit freundlichem Gruß,
Rita Thiele

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E-Mail vom 11. Februar 2014 an die Wiener Festwochen
Betreff: ach je – ich fühle mich leider nicht gut, bei diesem Titel

Hallo,

ich möchte einfach mein Unbehagen bei diesem Titel „Die Neger“ ausdrücken und würde mir wünschen, dass dies besser in Ihren Häusern diskutiert wird. Und zwar mit ‚Weissen‘ und ‚Schwarzen‘ die alle auch zu Deutschland und Österreich gehören.

http://www.dorftv.at/videos/maiz/4354?page=9

Vielleicht einen guten Ansatz eines Gesprächsthemas.

Herzlichst,
XXXX

 

Antwort des Produktionsteams

Liebe XXXX,

herzlichen Dank für Ihre E-Mail vom 11. Februar, auch für den link zur Diskussion (leider laufen da ab einem bestimmten Zeitpunkt zwei Tonspuren gleichzeitig, aber man kann der Diskussion doch zum größten Teil folgen). Zu Ihrem Unbehagen, was den Titel von Genets Stück anbelangt: Dieses Unbehagen ist durchaus zu verstehen. Diese Bezeichnung kommt aus kolonialistisch rassistischen Kontexten, transportiert also koloniale Gewalt, und sollte in unserer Alltagsprache nicht verwendet werden. Allerdings beschäftigt sich Genet eben mit dieser Gewaltgeschichte, mit den rassistischen Klischees, die Weiße im Verlaufe dieser gewalttätigen Geschichte (und Gegenwart) schwarzen Menschen angetan haben. Der Titel benennt auf sehr direkte (provozierende) Art das Thema des Stückes, das explizit für ein weißes Publikum geschrieben wurde als Statement gegen den weißen Rassismus, der mit diesem Stück aggressiv verhöhnt wird. Bleibt die Frage, haben Weiße überhaupt das „Recht“ diesen antikolonialen, antirassistischen Diskurs zu führen? (Ich beziehe mich hier natürlich auch auf die „white supremacy“, von der in der österreichischen Sendung die Rede war.) Und da sind wir tatsächlich der festen Überzeugung, dass es eine Aufgabe der Weißen sein muss, diese Gewalt, die sie in der Vergangenheit (und leider teilweise noch immer) schwarzen Menschen angetan haben und antun, auch in Theaterabenden/Stücken zu thematisieren. Damit wollen wir diesen Diskurs nicht für uns allein „reklamieren“. Wir werden im Umfeld der Aufführung ganz sicher auch den Blick, die Perspektive der Schwarzen suchen (d.h. ganz konkret in die Diskussion miteinbeziehen). Wir hoffen, dass Sie unsere Aufführung besuchen.

Herzliche Grüße,
Rita Thiele für das Team

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Beitrag in auf der Facebook-Seite des Deutschen Schauspielhauses vom 10. Februar

Zu der Unfassbarkeit das Stück „Die N****“ aufführen zu wollen:
Zu aller erst das kleine Einmaleins des gesellschaftlichen Anstands: Es gibt keine Legitimation ein Stück so zu nennen und es dann auch noch so zu bewerben! Ist Ihnen die Debatte um dieses Wort in den letzten Monaten gänzlich entgangen? Bereits die Programmbeschreibung ist rassistisch, denn sie verwendet mehrere kolonial rassistische Wörter (farbige,N****).
Es gibt keinen einzigen Kontext, in dem das N-Wort nicht rassistisch und verletzend ist. Selbst wenn sich das Stück als dekoloniales Stück versteht ist die Anwendung von rassistischen Gewaltsworten unangebracht!

Sollten Sie sich bei der Verwendung des Wortes so wie aber auch der Inszenierung des ganzen Stückes auf die Freiheit der Kunst berufen so möchte ich fragen, wann denn die nächste Clownerie über den Holocaust der Juden kommt geschrieben nicht von z.B. Georg Tabori, sondern aus weißer nicht-jüdischer deutscher Perspektive und ob Sie sich diese trauen zu spielen? Wenn nein, warum nicht? Und vor allem: Warum trauen Sie sich dann bei Schwarzer Geschichte? Die weiße Perspektive, vollkommen egal ob alle Schauspieler_innen Schwarze sind, hat bei dieser Thematik keine Daseinsberechtigung (mehr), denn sie hat die letzten Jahrhunderte gewaltvoll bestimmt. Besonders ekelhaft finde ich, dass weiße sich bei diesem Stück ausnehmen es auch noch humoristisch bearbeiten zu können. Inwiefern haben weiße rassistische Trauma erlebt, die es für ihr seelisches überleben notwendig machen sich humoristisch distanzieren zu müssen? Weisse haben eine Tradition über Schwarze Menschen und ihre Geschichten zu lachen (Ministrel Shows).
Wenn Sie die kolonial wirken möchten spielen Sie Stücke von Schwarzen Autor_innen, die sich mit der Thematik aus einander setzen und nicht mehr von weißen Männern von 1958!

Antwort des Schauspielhauses vom 14. Februar

Sehr geehrter XXXX,

herzlichen Dank für Ihren Eintrag, der nicht unbeantwortet bleiben soll: Nun ist es ja so, dass viele Ihrer Einwände spekulativ formuliert sind (man kann durchaus von Unterstellungen sprechen), dem kann knapp entgegengehalten werden: Nein, uns sind die Debatten in jüngster Vergangenheit um rassistische Wörter nicht entgangen, im Gegenteil: Wir haben dieses Stück auf unseren Spielplan gesetzt, weil es kolonialen Rassismus und damit Schuld der ehemaligen europäischen Kolonialnationen thematisiert. Im Gegensatz zu Ihnen gehen wir allerdings davon aus, dass wir (Weiße) uns mit dem dunklen Kapitel kolonialer Gewalt, die von unseren Nationen ausging, auseinanderzusetzen haben. Diese „weiße Perspektive“ hat für uns mehr als Daseinsberechtigung, sie ist geradezu Pflicht. Nein, wir haben nicht vor, dieses Thema humoristisch anzugehen. Auch, wenn Genet dem Stück den Untertitel „Clownerie“ gegeben hat: das Theater lebt von verschiedensten Lesarten und deren Inszenierung, letztendlich kann erst die Aufführung einer kritischen Beurteilung zur Verfügung stehen. Nein, wir werden nicht die Tradition der Ministrel Shows in unserer Inszenierung „bedienen“. Ja, wir spielen auch Stücke schwarzer Autoren: Marie NDiayes Roman „Drei starke Frauen“ lag unserer Spielzeiteröffnung „Nach Europa“ im MalerSaal zugrunde. Im Rahmen des „Hunger for Trade“ Projektes arbeiten wir mit Theatermachern aus Burkina Faso (Ildevert Mena) und Südafrika (Mpumelelo Paul Grootboom und Aubrey Sekhabi) zusammen. Selbstverständlich gehen wir aber davon aus, auch Stücke, die im Jahre 1958 entstanden sind, noch spielen zu dürfen. Ihre Irritation, was den Titel des Stückes anbelangt, können wir verstehen. Ja, dieses Wort ist rassistisch, entstammt kolonialer Gewalt und sollte in unserer Alltagssprache keine Verwendung mehr finden. Genets Stück handelt allerdings von rassistischen Klischees und benennt damit schon im Titel (Les négres) das Thema, das eine höhnische Auseinandersetzung mit diesen Klischees ist. Er selbst versteht sich dabei als „rosa“ Neger, sympathisiert, ja identifiziert sich mit der Position der Unterdrückten. Das mag aus Ihrer Sicht eine Anmaßung darstellen (jetzt spekuliere ich), gehört aber zu diesem wichtigen, provozierenden Autor des letzten Jahrhunderts. Letztendlich kann ich Sie – wie schon gesagt – nur auf die Premiere bzw. die Vorstellungen ab Juni verweisen. Über Ihren Besuch würden wir uns freuen.

Mit herzlichem Gruß
Rita Thiele (für das Team)

Antwort des Users vom 24. Februar

Sehr geehrte Rita Thiele,
Wenn Sie der Meinung sind, dass ich glaube, das weiße sich nicht mit der kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen sollen haben Sie mich falsch gelesen. Es ein Unterschied ob ich keine weiße Perspektive mehr zulassen möchte, oder ob ich der Meinung bin das Weisse sich grundsätzlich mit dem Thema aus einander setzen sollen. Weisse sollten sich dringendst mit dem Thema intensiv auseinandersetzen, aber nicht, indem rassistische Gewalt reproduziert wird, Sondern in denen sie der Schwarzen Perspektive, Welche da womöglich enthält: Erfahrungsberichte, Forderungen, Erzählungen, Regeln,….

Warum die Schwarze Perspektive? Als Analogie: Meinen Sie, dass Männer in dieser Gesellschaft bezüglich sexistischen Verhaltens mehr lernen würden, wenn Sie Stücke von Frauen aus weiblicher Perspektive sehen würden, oder aber wenn ein von einem Mann geschriebenes Stück (In unserem Fall ein weißes Stück) auf der Bühne nochmals eine Vergewaltigung zeigt? Ich spekuliere hier durchaus berechtigt, dass mir wohl die Mehrzahl der Frauen Recht geben würden, dass Mann bei ersterem mehr lernen würde, denn letztere Thematik gehört viel zu oft zum Alltag von Frauen und ich denke es würde keinen Mehrwert bringen dies nun auch nochmal auf der Bühne zu zeigen um Männer zu belehren.
Wenn Sie bereits Stücke von Schwarzen Autorinnen aufführen ist das wunderbar. Da würde ich Sie bitten diese anständige Tradition fortzusetzen und nicht nur Stücke von Schwarzen Autor_innen aufzuführen, sondern eben auch rassistische Stücke von weißen Männern NICHT aufzuführen! Sie sagen, dass nur schon der Titel des Stückes rassistisch sei und im Alltagsgebrauch nicht mehr verloren hat.Damit wollen Sie mir sagen, dass dieser Begriff in einer Unterhaltung nicht mehr verwendet werden darf, aber auf der Bühne vor hunderten oder gar tausenden Zuschauern in die Menge posaunt werden darf? Dieser Widerspruch macht mich kopfschütteln. Ich würde Sie nochmals bitten kritisch zu hinterfragen, warum Sie ein Stück über Schwarze Menschen mit so einem Titel zeigen, aber beispielsweise niemals ein Stück zeigen würden mit Titeln wie beispielsweise die „Scheissjuden“.

Der Autor kann sich dabei verstehen als was er will. Seine Position als weißer Mann ändert sich dadurch nicht, denn er hat nie rassistische Diskriminierung erlebt. Ich kann mich als Autor nicht auch mal eben kurz spaßeshalber als Frau verstehen um in irgend einem Schriftstück, Bild oder Musik sexistischen Müll zu produzieren und dann aber zu behaupten ich wäre ja eine Frau. Es wäre trotzdem sexistisch.

Und wenn Ihnen der Autor so wichtig ist: Kant war einer der Begründer des Rassismus. Wenn Weisse ihn als Philosophen feiern mögen und Lesungen halten mögen sollen sie das tun, dabei aber seine problematischen Schriften außen vor lassen. In Ihrem Fall würde ich Sie bitten dann eben von dem Autor Stücke zu spielen, in denen er sich nicht rassistisch verhält.

Solange sich dieses Stück auf ihrem Spielplan befindet werde ich ihr Haus nicht besuchen.

Eintrag ins Gästebuch des Schauspielhauses, 14.06.2014

Es ist falsch, wenn das Schauspielhaus argumentiert, der Protest richte sich gegen Jean Genet und sein Stück. Nein, er richtet sich gegen den spezifischen Umgang mit Bildern und Titeln durch das Schauspielhaus. Da nutzt das nachträglich hilflos dazu genommene Plakat mit Angela Davis dann auch nicht. Prof. Davis kann nicht für die Fehler des Schauspielhauses herhalten.
Jean Genet hat bestimmt, dass das Stück mit Schwarzen Schauspieler_innen gespielt wird. Das Schauspielhaus besetzt die meisten Rollen mit blackgefacten weißen Schauspieler_innen. Das Pressebild mit den vier Gesichtern ist nicht nur mit den Black Faces diskriminierend, sondern zeigt obendrauf noch pavianähnliche Gesichter.

Antwort des Schauspielhauses, 25.06.2014

Guten Tag,

vielen Dank für Ihren Eintrag in unserem Gästebuch vom 14. Juni. Wir freuen uns, dass die offensichtlich absurde Unterstellung, Autor und Stück wären rassistisch, nachzulesen in früheren Korrespondenzen, mittlerweile nicht mehr angeführt wird.Über die Ankündigung und Besetzung der Produktion haben wir eingeladen zu diskutieren (nach der Vorstellung vom 3.7.). Aufgrund der Verschiebung der Hamburger Premiere auf die kommende Spielzeit wegen eines Bühnenunfalls im Ensemble wird diese Diskussion voraussichtlich im Anschluss an die 2. oder 3. Hamburger Vorstellung im Oktober/November stattfinden. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Gespräch eine Auseinandersetzung befördert, die weitere Unterstellungen aus dem Weg räumt, z.B. die Platzierung des Fotos mit Angela Davis und Jean Genet, als „hilflos“ zu denunzieren. Das Foto entstand anlässlich der Einladung Genets durch die Black Panther, die in Zusammenhang mit dem enormen Erfolg der New Yorker Inszenierung stand. Es stellt Autor und Stück somit in den richtigen Kontext.

Wir haben für diese Produktion ein digitales Programmheft erstellt, in dem zum einen Texte veröffentlicht sind, die die Entstehung der Inszenierung begleitet haben, und zum anderen die Diskussionen um die Produktion dokumentiert werden – und fortgeführt werden sollen. Sie finden es unter: http://www.dshgenet.wordpress.com.

Herzliche Grüße,
Ihr Schauspielhaus

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Reaktionen von Organisationen

Am 4. März veröffentlicht Pamoja – The Movement of the young African Diaspora in Austria auf ihrer Facebook-Seite eine Petition, die die Absetzung der Produktion fordert und von 19 europäischen Organisationen unterzeichnet ist:

„Wiener Festwochen 2014: Schwarze Menschen in Europa gegen Aufführung des Theaterstücks „Die N****“ von Johan Simons

Vergangene Woche hat sich im Scheinwerferlicht des Wiener Opernballs gezeigt, was Schwarze Menschen in Österreich als alltägliche Realität erfahren: rassistische Praktiken werden normalisiert und dienen sogar als „Spaßeinlage“. Ein Reporter, der sich als schwarzer Mann angemalt hat (Blackface) und ein Komiker, der das N-Wort selbst-verständlich in den Mund nimmt, sind keine Ausnahmen, sondern Symptome von strukturellem Rassismus. Offensichtlich braucht es die Bekanntheit von Kim Kardashian um darauf aufmerksam zu machen, wogegen Schwarze Menschen im deutschsprachigen Raum seit Jahren kämpfen. In Österreich werden Schwarze Menschen beispielsweise jährlich zu den Heiligen Drei Königen mit Blackface unter dem Deckmantel der Tradition konfrontiert, ganz zu schweigen von Verkleidungen am Faschingsdienstag.

Im Rahmen der Wiener Festwochen 2014 wird ein Theaterstück mit dem Titel „Die N****“ von Regisseur Johan Simons in Wien aufgeführt. Im Programmheft, sowie auf der Website sind weiße Schauspieler_innen abgebildet, die schwarz angemalt sind und Schwarze Menschen darstellen sollen.

Die Wiener Festwochen geben vor, ein internationales, interkulturelles Festival zu sein. Mit der Aufführung dieses Theaterstücks stehen sie diesem Anspruch allerdings zentral entgegen. Weder wird hiermit aufgeklärt, noch zu kritischem Denken angeregt. Offensichtlich besteht eine mangelnde Bereitschaft sich mit Rassismus und stereotypen Darstellungen im Theater auseinander zu setzen.

Blackface – genauso wie schwarze Masken – ist ein Mittel rassistischer Darstellungstraditionen. Dadurch gibt es keine selbst bestimmte Repräsentation von Schwarzen Menschen, selbst wenn Schwarze Schauspieler_innen in diesem Stück diese Rollen übernehmen. Mit weißen Schauspieler_innen in Blackface wird eine diskriminierende, (neo)koloniale Praxis verharmlost, die nicht nur in den USA als rassistisch gilt.

In Österreich wird mit solchen diskriminierenden Begriffen und Darstellungen Rassismus reproduziert und versucht antirassistische Widerstandskämpfe unsichtbar zu machen. Das N-Wort, das im Titel verwendet wird, kann niemals als eine provokative, aufklärerische Aussage fungieren. Vielmehr wird hiermit eine rassistische Auseinandersetzung aufgezeigt, welche die Verwendung des N-Wortes legitimiert und normalisiert. Die englische Übersetzung des Titels heißt „The Blacks“, was keine Übersetzung des N-Wortes ist und nicht zufällig gewählt ist. Das N-Wort steht sowohl im Englischen als auch im Deutschen für die jahrhundertelange Unterdrückung, Versklavung und Tötung von Schwarzen Menschen. Die Benutzung dieses Wortes verharmlost diese Realitäten.

Das Theaterstück fördert nicht nur durch die Reproduktion des N-Wortes im Titel, sondern auch durch Inhalt und Darstellungsweise eine rassistische Haltung, welcher kritisch entgegen gewirkt werden soll.

Wir fordern hiermit auf, das N-Wort und diese rassistische Inszenierung aus dem Wiener Festwochenprogramm zu entfernen!

Wir erwarten selbstbestimmte Schwarze Positionen auf der Bühne, statt rassistische Fremdrepräsentationen!

PAMOJA-
Die Bewegung der jungen Afrikanischen Diaspora in Österreich

Liste der unterzeichnenden Organisationen (in alphabetischer Reihenfolge):

ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland (GER)
afrikanet.info (AUT)
AVP – Afrika Vernetzungsplattform (AUT)
Black Community Oberösterreich (AUT)
Bühnenwatch (GER)
ENAR – European Network Against Racism (EU)
GHANA UNION (AUT)
GHANA UNION YOUTH (AUT)
International Institute for Scientific Research (NL)
ISD – Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (GER)
maiz – autonomes zentrum von & für migrantinnen (AUT)
M-MEDIA (AUT)
NANCA – National Association of Nigerian Community Austria (AUT)
NAW – Nordic African Women (SE)
NUC – New Urban Collective (NL)
PAMJ – Pan African Movement for Justice (SE)
PANAFA – Pan African Forum in Austria (AUT)
SFC – Schwarze Frauen Community (AUT)
Slavernij Online (NL)

‪#‎letitbeknown
‪#‎stopblackfacingnow

Die IG Autorinnen und Autoren reagiert auf die Petition von Pamoja mit einer Pressemittelung, die in der folgenden APA-Meldung vom 14. März zusammengefasst wird:

IG Autoren ärgert Hysterie um „Die Neger“
Utl.: Gerhard Ruiss warnt vor „zur Hysterie abgedrifteter ‚political correctness'“ – Petition forderte zuvor Absetzung von Genets Werk vom Festwochen-Spielplan

Wien (APA) – Die im Internet initiierte Aufregung um die Inszenierung „Die Neger“ von Jean Genet bei den heurigen Wiener Festwochen zeugt für die IG Autorinnen Autoren von einem neuen „Ungeist“. „Wer nicht von vornherein klar und deutlich zu erkennen gibt, dass er auf der ‚richtigen‘ Seite steht, wird automatisch verdächtigt, zu diskriminieren“, so Geschäftsführer Gerhard Ruiss in einer Aussendung.

„Das blindwütige Hinschlagen auf Texte und Inhalte, die sich künstlerisch mit konfliktbeladenen Themen beschäftigen, im Namen einer zur Hysterie abgedrifteten ‚political correctness‘, die wütet, ohne sich auf den Kontext einzulassen, macht das kulturelle Miteinander, die seriöse Auseinandersetzung mit Rassismus nicht einfacher, ganz im Gegenteil, sie wird verhindert“, ärgerte sich Ruiss. Die IG Autorinnen Autoren unterstütze deshalb die Absicht der Festwochen, „Die Neger“ aufzuführen.

Via Facebook war eine Petition mit dem Titel „Schwarze Menschen in Europa gegen Aufführung des Theaterstücks ‚Die N****‘ von Johan Simons“ (http://go.apa.at/7EP0JIRb) veröffentlicht worden. In der vom Wiener Verein Pamoja initiierten und von 19 europäischen Vereinigungen unterzeichneten Petition wird die Absetzung des Stücks vom Spielplan gefordert.

(Schluss) maf/dae

APA0330 2014-03-10/13:27 // 101327 Mär 14 //  Autor: maf/dae

Die Regionalgruppe Hamburg der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) veranstaltet als Reaktion auf die Produktion das Kulturfestival „Mit unseren eigenen Stimmen – Black is more than a (Black)Face“, das vom 14. Juni (Tag der Hamburger Premiere) bis 3. Juli in Hamburg stattfindet. Das Programm finden Sie hier.

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>> Pressestimmen zur Diskussion (Auswahl)

Pressestimmen zur Diskussion (Auswahl)

Der KulturSPIEGEL widmet sich in einem Themenschwerpunkt seiner Ausgabe 04/2014 der Frage „Wie rassistisch ist der deutsche Kulturbetrieb?“. Ein in dieser Ausgabe veröffentlichtes Interview mit Johan Simons und dem Kurator Simon Njami können Sie hier im digitalen Programmheft nachlesen. Die kompletten Beiträge des Themenschwerpunkts können Sie auf der Website des Kulturspiegels nachlesen.

Eine APA-Meldung vom 14. Mai zitiert Stimmen aus der Theaterwelt, die sich zu der Diskussion geäußert haben.

Pia Frankenberg äußert sich am 7. April in der taz zu der Diskussion.

Barbara Villiger Heilig nimmt am 9. Mai in der Neuen Zürcher Zeitung Stellung zu der Debatte.

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Kategorie

Über das Stück, Historischer Hintergrund, Infos zur Produktion, Jean Genet, Kolonialismus, Kunst und Politik, Rassismus, Theater