von Frantz Fanon

In jeder Gesellschaft, jeder Gemeinschaft gibt es – und muss es geben – einen Kanal, einen Notausgang, durch den die angestaute Energie in Form von Aggressivität abfließen kann. Darauf zielen die Kindergartenspiele, die Psychodramen der Gruppentherapien und ganz allgemein die Jugendmagazine – wobei jeder Gesellschaftstypus eine bestimmte Form von Katharsis erheischt. Die Geschichten von Tarzan, von zwölfjährigen Forschungsreisenden, von Mickymaus sowie alle Illustrierten bezwecken eine wahre Abfuhr der kollektiven Aggressivität. Es sind von Weißen verfasste und für kleine Weiße bestimmte Zeitungen. Genau hier findet das Drama statt. >>Denn bis zum Beweis des Gegenteils sind wir der Ansicht, dass das Trauma, falls eines vorliegt, genau in diese Zeit fällt. Da das rassische Drama unter freiem Himmel stattfindet, hat der Schwarze nicht die Zeit, es „unbewusst zu machen“. Sie leben ihr Drama. Bei ihm gibt es nicht jene affektive Amnesie, welche die typische Neurose kennzeichnet, wenn man von der Psychologie des Schwarzen zu der des Weißen übergeht.

Wir befinden uns wirklich in einer anderen Welt. Der Neger ist ein Phobie und Angst verursachendes Objekt. Von der Kranken von Sérieux und Capgras bis hin zu jenem Mädchen, das uns gesteht, dass es für sie etwas Schreckliches bedeutet, mit einem Neger zu schlafen, begegnen wir allen Graden dessen, was wir Negrophobogenese nennen. Was ist eine Phobie? Bei der Beantwortung dieser Frage berufen wir uns auf die letzte Arbeit von Hesnard: „Die Phobie ist eine Neurose, die gekennzeichnet wird durch die angstbesetzte Furcht vor einem Objekt oder einer Situation.“ Natürlich muss dieses Objekt bestimmte Aspekte annehmen. Es muss Furcht und Ekel wecken. Doch hier stoßen wir auf eine Schwierigkeit. Charles Odier schreibt: „Jede Angst entspringt einer gewissen subjektiven Unsicherheit, die mit der Abwesenheit der Mutter zusammenhängt.“ Diese setzt der Autor etwa im zweiten Lebensjahr an. Bei der Untersuchung der psychischen Struktur des Phobikers kommt er zu dem Schluss: „Bevor man sich die Vorstellungen der Erwachsenen direkt vornehmen kann, muss man die kindliche Struktur analysieren, aus der sie hervorgehen und die sie bedingen.“ Wie man sieht, ist der Phobiker ein Individuum, das den Gesetzen der rationalen Prälogik und der affektiven Prälogik folgt: einer Art des Denkens und Fühlens, die an das Alter erinnert, da der verunsichernde Vorfall stattgefunden hat.

Die angekündigte Schwierigkeit ist die folgende: Hat es ein verunsicherndes Trauma gegeben bei der jungen Frau, von der wir oben sprachen? Hat es bei den meisten männlichen Negrophoben einen Entführungsversuch gegeben? Einen Versuch von Fellatio? Bei der Anwendung der analytischen Schlussfolgerungen erhalten wir äußerstenfalls das Folgende: Wenn ein schreckenerregendes Objekt, etwa ein mehr oder weniger imaginärer Aggressor, Entsetzen einjagt, so vor allem eine mit sexuellem Abscheu vermischte Angst. Der Satz „Ich habe Angst vor den Männern“ heißt, wenn man das Motiv für das Entsetzen aufhellt: weil sie mir alles Mögliche antun könnten, aber keine gewöhnlichen Misshandlungen, sondern sexuelle, also unmoralische, entehrende Misshandlungen. Auf der Ebene des Imaginären ist das durchaus verständlich. Denn die Negrophobe ist in Wirklichkeit nur eine putative sexuelle Partnerin – so wie der Negrophobe ein verdrängter Homosexueller ist.

Gegenüber dem Neger spielt sich in der Tat alles auf genitaler Ebene ab. Es scheint, dass sie überall und immer vögeln. Gehorcht der Weiße, der den Schwarzen verabscheut, nicht einem Gefühl der Impotenz oder sexuellen Minderwertigkeit? Könnte das Lynchen des Negers nicht sexuelle Rache bedeuten? Ist die Überlegenheit des Schwarzen real?

Jedermann weiß, dass dies nicht der Fall ist. Doch das ist nicht der springende Punkt. Das prälogische Denken des Phobikers hat beschlossen, dass dem so ist. Wenn man die rassische Situation psychoanalytisch verstehen will, eine Situation, die nicht global erfasst, sondern von besonderen Bewusstseinen empfunden wird, muss man den sexuellen Phänomenen große Bedeutung beimessen. Beim Juden denkt man ans Geld und seine Ableger. Beim Neger an den Sex. Negrophobie liegt auf der Ebene der Instinkte, auf der biologischen Ebene. Jede geistige Errungenschaft erheischt einen Verlust des sexuellen Potentials. Der zivilisierte Weiße bewahrt die irrationale Sehnsucht nach Zeiten außergewöhnlicher sexueller Freiheit, orgiastischer Szenen, ungestrafter Vergewaltigungen, nicht unterdrückten Inzests. Diese Phantasien entsprechen in gewissem Sinne Freuds Lebenstrieb. Indem der Weiße seine Absichten auf den Neger projiziert, verhält er sich, „als ob“ der Neger sie wirklich hätte. Bei den Negern beginnt die Pubertät mit neun Jahren, mit zehn haben sie Kinder; sie sind heiß, haben starkes Blut; sie sind robust. Wie kürzlich ein Weißer mit leichter Bitterkeit in der Stimme sagte: „Eine schöne Rasse.“ Wie Sartre sagt, geht von den Worten „eine schöne Jüdin“ ein Hauch von Massaker und Vergewaltigung aus. . . Umgekehrt könnten wir sagen, dass von den Worten „ein schöner Schwarzer“ eine „mögliche“ Anspielung auf ähnliche Phänomene ausgeht. Die durchschnittliche Länge des Penis des Schwarzafrikaners, sagt Dr. Pales, übersteigt selten hundertzwanzig Millimeter. In seinem »Traité d’anatomie humaine« nennt Testut dieselbe Zahl für den Europäer. Aber dies sind Fakten, die niemanden überzeugen. Für den Weißen ist der Neger ein Tier; wenn nicht die Länge des Penis, dann ist es die sexuelle Potenz, die ihn bestürzt. Und gegen diesen „Unterschied zu ihm“ muss er sich zur Wehr setzen. Das heißt, den Anderen charakterisieren. Der Andere wird zum Träger seiner Gedanken und Wünsche.

Eine andere Lösung: Zuerst kommt die sadistische Aggressivität gegenüber dem Schwarzen, sodann ein Schuldkomplex wegen der Strafe, mit der die demokratische Kultur des betreffenden Landes dieses Verhalten belegt. Diese Aggressivität wird dann vom Schwarzen übernommen, daher Masochismus. Aber, so wird man uns entgegenhalten, in diesem Schema findet man nicht die Elemente des klassischen Masochismus. Vielleicht ist diese Situation in der Tat nicht klassisch. Jedenfalls lässt sich das masochistische Verhalten des Weißen nur auf diese Weise erklären.

Der Neger ist das Genitale. Ist das alles? Leider nicht. Der Neger ist noch etwas anderes. Auch hier begegnen wir wieder dem Juden. Beide verkörpern wir das Böse. Der Schwarze in stärkerem Maße, einfach weil er schwarz ist. Heißt es in der Symbolik nicht die Weiße Justiz, die Weiße Wahrheit, die Weiße Jungfrau? Der Schwarze ist das Symbol für das Böse und das Hässliche. Baruk sagt: „Die Erlösung von den Hasskomplexen wird erst dann möglich sein, wenn die Menschheit auf den Sündenbockkomplex verzichten kann.“

Die europäische Zivilisation zeichnet sich dadurch aus, dass es innerhalb dessen, was Jung das kollektive Unbewusste nennt, einen Archetypus gibt: Ausdruck der bösen Triebe, des jedem Ich innewohnenden Dunkels, des nicht zivilisierten Wilden, des Negers, der in jedem Weißen schlummert. Für Jung liegt das kollektive Unbewusste in der ererbten Gehirnsubstanz. Aber das kollektive Unbewusste ist ganz einfach – ohne dass man zu den Genen Zuflucht zu nehmen braucht – die Gesamtheit der Vorurteile, der Mythen, der kollektiven Verhaltensweisen einer bestimmten Gruppe. Wird man folgenden Satz verstehen können? „In Europa wird das Böse durch das Schwarze dargestellt.“ Man muss behutsam vorgehen, wir wissen es, aber es ist schwierig.

Der Henker ist der schwarze Mann, Satan ist schwarz, man spricht von Finsternis, und wenn man schmutzig ist, ist man schwarz – gleichviel, ob es sich um körperlichen oder moralischen Schmutz handelt. Würde man sich die Mühe machen, sie zu sammeln, dann wäre man überrascht über die sehr große Zahl an Ausdrücken, die den Schwarzen zur Sünde machen. In Europa stellt der Neger, sei’s konkret oder symbolisch, die schlechte Seite der Persönlichkeit dar. Solange man dies nicht begriffen hat, wird alles Reden über „das schwarze Problem“ vergeblich sein. Das Schwarze, das Dunkle, der Schatten, die Finsternis, die Nacht, die Labyrinthe der Erde, die abyssischen Tiefen, jemanden anschwärzen; und auf der anderen Seite: der klare Blick der Unschuld, die weiße Taube des Friedens, das feenhafte, paradiesische Licht. Ich glaube, man muss wieder Kind werden, um bestimmte psychische Realitäten zu verstehen.

Tief im europäischen Unbewussten ist ein über die Maßen schwarzer Halbmond entstanden, in dem die unmoralischen Triebe, die unsagbarsten Wünsche schlummern. Jung vergleicht regelmäßig fremd mit Dunkelheit, mit böser Neigung: er hat völlig recht. Dieser Mechanismus der Projektion oder, wenn man lieber will, des Transitivismus ist von der klassischen Psychoanalyse beschrieben worden. Insofern ich in mir etwas Ungewöhnliches, Verwerfliches entdecke, bleibt mir nur eine Möglichkeit: mich dessen zu entledigen, indem ich die Urheberschaft dafür dem anderen anlaste. So setze ich einem Spannungskreis ein Ende, der mein Gleichgewicht bedrohte. Deutlicher gesagt: jedes Individuum muss seine niederen Instanzen, seine Triebe auf das Konto eines bösen Geistes schreiben, des bösen Geistes der Kultur, zu der es gehört (wir sahen, dass es der Neger ist). Diese kollektive Schuld wird von dem „Sündenbock“ getragen, wie man es zu nennen pflegt. Und für die weiße Gesellschaft – die sich auf den Mythos: Fortschritt, Zivilisation, Liberalismus, Erziehung, Aufklärung, Feingefühl gründet – ist der Sündenbock die Kraft, die sich der Expansion, dem Sieg dieser Mythen entgegenstellt.

Um dieser neurotischen Situation ein Ende zu setzen, in der ich gezwungen bin, eine ungesunde, konfliktschwangere, von Phantasien genährte, antagonistische und letztlich unmenschliche Lösung zu wählen, bleibt uns nur eine Lösung: dieses absurde Drama zu überfliegen und durch die menschliche Besonderheit hindurch das Allgemeine anzustreben. Das Auge muss es uns ermöglichen, die kulturellen Irrtümer zu korrigieren. Ich sage nicht „die Augen“, sondern „das Auge“, und man weiß, worauf dieses Auge verweist; nicht auf die Hornhaut, sondern auf jenes überaus gleichmäßige Leuchten, das aus Van Goghs Rot quillt, einem Konzert von Tschaikowski entweicht, verzweifelt sich an Schillers »Hymne an die Freude« klammert, sich vom peristaltischen Aufschrei Césaires treiben lässt.

Vor einigen Jahren bat mich der Französische Studentenverband von Lyon, auf einen Artikel zu antworten, in dem die Jazzmusik buchstäblich zum Einbruch des Kannibalismus in die moderne Welt erklärt wurde. Da ich wusste, wohin ich ging, forderte ich den Verteidiger der europäischen Reinheit auf, sich eines Krampfs zu entledigen, der nichts Kulturelles hatte. Manche Menschen wollen die Welt mit ihrem Sein aufblähen. Ein deutscher Philosoph hat diesen Prozess als Pathologie der Freiheit beschrieben. In diesem Fall war es nicht meine Aufgabe, gegen die weiße Musik für die schwarze Musik Partei zu ergreifen, sondern meinem Bruder zu helfen, eine Haltung aufzugeben, die in keiner Weise heilsam war.

Das hier erörterte Problem liegt in der Zeitlichkeit. Ihre Entfremdung aufheben werden diejenigen Neger und Weißen, die sich geweigert haben, sich in den substantialisierten Turm der Vergangenheit sperren zu lassen. Das Unglück des Menschen ist es, ein Kind gewesen zu sein. Eines Tages entdecke ich, dass ich in einer Welt lebe, in der die Dinge wehtun; einer Welt, in der man mich auffordert zu kämpfen; einer Welt, in der es immer nur um Vernichtung oder um Sieg geht.
Eines Tages entdecke ich, dass ich auf der Welt bin, und ich gestehe mir nur ein einziges Recht zu: vom Anderen ein menschliches Verhalten zu verlangen. Es gibt keine weiße Welt, es gibt keine weiße Ethik, auch keine weiße Intelligenz. Es gibt auf beiden Seiten der Welt Menschen, die suchen.

Ich bin kein Gefangener der Geschichte. Nicht in ihr darf ich nach dem Sinn meines Schicksals suchen. In jedem Augenblick muss ich mich daran erinnern, dass der wahre Sprung darin besteht, die Erfindung in die Existenz einzuführen.

Der Neger ist nicht. Ebenso wenig der Weiße. Beide müssen wir die unmenschlichen Wege unserer Vorfahren verlassen, damit eine wirkliche Kommunikation entstehen kann.

Warum nicht einfach versuchen, den Anderen zu berühren, den Anderen zu spüren, mir den Anderen zu offenbaren.
Ist mir meine Freiheit denn nicht gegeben, um eine Welt des Du zu errichten?

 

Aus: Frantz Fanon: Schwarze Haut, weiße Masken. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Syndikat, Frankfurt am Main, 1980.

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