von Jean Genet

Geführt an Fäden oder bewegt von den Fingern des Puppenspielers sind die Marionetten unter seidenen Kostümen die einzigen, denen eine wahrhaft dämmerungsträchtige, leichenzugartige, schließlich makabre Darstellung glückt. Der Titel dieses Schauspiels ist eine Warnung: Schattentheater.  >>Mittels Figuren und Pappe, aus Holz, mit stummen Stoffpuppen, bewohnt von zehn als Prinzessinnen oder Feen gekleideten Fingern, da in diesem letzten Fall zehn Figuren gestikulieren, welche zehn Finger aus Fleisch verbergen, deren Kapuze nicht mehr der Fingerhut, sondern ein anderes Kostüm ist, wurde der Tod heraufbeschworen, der Tod, vor allem aber die Toten selbst, das ganze Reich der Toten, dieses wäre fast natürlich, die allem trotzende Stummheit, in welche sich ein jeder Tote, von dem Moment an, da man ihn wachruft, umwandelt, indem man ihn nennt. Und diese Charaktere aus Karton oder bekleideten Fingern, deren gebrochene Haltungen jene von Knochen auf den Mauern des Friedhofs von Pisa sind – aber kann man von Tanz sprechen? – diese ebenso winzigen Figuren, wie die in den pharaonischen Grabmälern aufgefundenen Puppen, befinden sich in den sicherlich unüberwindlichen Entfernungen dieser Stimme, die eine Geschichte erzählt oder glaubt, ihnen eine Stimme zu leihen, indem sie vorgaukelt, dass Stimme und Geschichte jene der Puppen sind.

Ihrer Teilnahmslosigkeit gegenüber der Erzählung und den Stimmen entnimmt man folgendes: es sind nicht die ihren, oder schlicht und ergreifend alles, was man von uns sagen wird, sobald wir tot sind, ist nicht nur im wörtlichen Sinne falsch, sondern klingt auch noch so. Unter sämtlichen Ereignissen, die uns die Nichtigkeit des Todes erahnen lassen, sind die Marionetten womöglich das klarste Zeichen. Zwischen der dumpfen oder schmetternden Stimme des Spielers und dem eckigen Agieren der Puppen wird es, trotz der Effekte, die uns durch ihren Verismus überzeugen wollen, niemals eine Übereinstimmung geben. Diese vorangegangenen Zeilen schreibe ich, um zu schildern, dass ich den Abstand gemessen habe – eine sehr ungenaue Art zu reden, wie kann man tatsächlich eine Distanz abmessen, die nichts als Gefühl ist? – zwischen Abu Omar und dem, was ich erzähle, als sei es von ihm, dem Ertrunkenen. „Unter den arabischen Feudalisten“, sagte er mir im September 1972, „muß man zudem unterscheiden. Es gibt Emire, Besitzer von Erdölvorkommen, alle sind Freunde Amerikas und häufig Israels. Unsere Lage ist schwierig. Wir haben die Vorherrschaft an Prinzen übergeben oder sie ihnen belassen, die sich, ohne das Volk oder den Koran zu konsultieren, in den Dienst des Imperialismus gestellt haben. Unser Vorgehen besteht nicht darin, die Prinzen anzugreifen, weil sie Muslime, sondern weil sie es nicht sind. Unsere Prinzen kennen das Gold, mehr kennen sie nicht.“

Ich werde mich nicht damit abfinden. Sein geistiges Abbild ist immerfort da, nicht sichtbar, doch gegenwärtig, so oft ich die Worte Abu Omars wiederfinde oder glaube, sie wiederzufinden. Ist das ein Schatten, der spricht? Ich bin nicht sicher, mit den Mitteln der Spieler, der Lügner auch, nicht doch eine Marionette aus ihm gemacht zu haben, deren weiche Lippen ich bewege. Es ist schwierig, kein Bauchredner zu sein, sobald man einen Ertrunkenen oder Erschossenen sprechen lässt. Abu Omar für Sie als Marionette erscheinen zu lassen, war womöglich ein theatralischer Gedanke, die Tode, die man erzählt, sind dazu geworden, und derjenige, der erzählt, ist ein Schattenwerfer. Als ich ihn zum letzten Mal sah, nahm er mich mit, in einer Villa aus behauenem Stein in Jebel Amman zu frühstücken. „Der Mann, der uns einlädt, nennt sich Zaarouh. Er ist ein Palästinenser. Ehemaliger Bürgermeister von Ramallah. Es macht ihn stolz, wenn man ihm sagt, dass er ein Flüchtling ist.“ „Wer sind diese Menschen, mit denen Ihr Salon sich bereits gefüllt hat?“ sagte ich zu ihm. „Die Gesandten König Husseins. Er möchte, dass ich in seine neue Regierung eintrete. Aber nie im Leben. Eher würde ich es vorziehen, zum Gewehr zu greifen und loszuziehen, die Jordanier abzuschlachten.“ Drei Monate später war er Transportminister des Königs Hussein. Er blieb es für drei Jahre. Wurde er es mit dem Einverständnis der PLO? Diente er als Vermittler zwischen der Organisation und Hussein, und, über diesen König, mit Amerika?

Diese Personen, die ich glaube lebendig oder wieder lebendig zu machen, indem ich das Ohr neige, um zu hören, was sie mir mitteilen, bleiben tot. Die literarische Illusion ist nicht vergeblich, oder nicht gänzlich, auch wenn der Leser diese Dinge besser weiß als ich, hat ein Buch den Anspruch, unter den Verkappungen der Wörter, der Ursachen, der Kleider, selbst denen der Trauer das Skelett und den sich ankündigenden Staub des Skeletts aufzuzeigen. Auch der Autor, so wie jene, von denen er spricht, ist tot.

Die Metamorphosen einer Tat in Wörter, Zeichen, Reihe von Wörtern, Reihen von Zeichen und Wörtern sind andere Taten, welche die ursprünglichen, von denen aus ich transkribieren werde, niemals wiedergeben. Ich muss diese Grundwahrheit aussprechen, um mich selbst gefechtsbereit zu machen. So es sich nicht um die allgemeine Moral handelte, war lügen oder nicht in meinen Augen ohne Bedeutung, dennoch muss ich sagen, dass es meine Augen waren, mein Blick, die gesehen haben, was ich zu beschreiben glaubte, meine Ohren hörten. Was ich berichte, war vielleicht auch das, was ich erlebte, und dennoch anders, da eine Kontinuität das Verlorene meines Daseins in die Kontinuität des palästinensischen Lebens eingeschmolzen hatte, jedoch nicht ohne mir Einfälle zu lassen, Spuren, hier und da Unterbrechungen mit meinem früheren Leben, so dass die Ereignisse aus diesem nur in gewissen Augenblicken dermaßen stark waren, dass ich davon aufwachen würde: ich lebte einen Traum, dessen Meister ich inzwischen wurde, indem ich die Bilder, die man liest, wiederherstelle, sie zusammentrage. Mittlerweile frage ich mich manchmal, ob ich dieses Leben nicht auf die Weise gelebt habe, in der ich die Episoden anhand des Durcheinanders der Bilder, die in einem Traum erscheinen, angeordnet habe.

Freilich eine ganze Menge Wörter, um zu sagen: dies ist meine palästinensische Revolution, vorgetragen in der Reihenfolge, die ich gewählt habe. Neben der meinen gibt es die andere, wahrscheinlich die anderen. Die Revolution gedanklich fassen zu wollen, entspräche dem Wunsch, beim Erwachen Logik in die Zusammenhanglosigkeit der geträumten Bilder zu bringen. Es ist bei trockenem Wetter müßig, die notwendigen Gesten zu erfinden, den Fluss besser zu überqueren, sobald das Hochwasser die Brücke mit sich fortreißt. Ihr in einer Halbwachheit nachsinnend, erscheint die Revolution mir so, der Schwanz eines eingesperrten Tigers beginnt einen hyperbolischen Namenszug, der seine überdrüssige Wölbung auf die Flanke des noch immer im Käfig gefangenen Raubtiers niedersinken lasst.

Aus: Jean Genet: Werke in Einzelbänden, Bd. IV: Ein verliebter Gefangener.
Merlin, Gifkendorf 2006.

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Jean Genet, Kunst und Politik, Theater