Jean Genet wird selten im deutschsprachigen Raum gespielt. Was interessiert Sie an diesem Autor?

Johan Simons: Als ich Kind war, wollte ich Missionar werden oder eine Art Nachfolger von Albert Schweitzer. In der Schule gab es eine schwarze Puppe, mit der Spenden für die Afrika Mission gesammelt wurden. Man warf Münzen durch einen Schlitz im Kopf, und dann nickte die Puppe zum Dank. Heute finde ich den Paternalismus und den Kolonialismus, die mit diesen Vorstellungen verbunden sind, natürlich unerträglich. Aber ich war Kind, Missionar zu werden war jedenfalls der erste Berufswunsch. Ab 13 kam mir dann der Glaube an Gott mehr und mehr abhanden. Für Genet habe ich mich zum ersten Mal in den 60er Jahren interessiert, als ich mich mit dem Existentialismus beschäftigt habe, und ich wusste, er war sehr befreundet mit Camus und Sartre. Nicht nur die künstlerischen Texte, sondern auch die politischen Statements Genets wurden viel diskutiert: Er sympathisierte mit der RAF und mit der FLN, der algerischen Befreiungsfront, er war fasziniert und hatte Kontakt mit der Black Panther Bewegung, schrieb auf Einladung der PLO über den Kampf der Palästinenser. Er hat sehr streitbare, auch fragliche politische Positionen eingenommen, zum Beispiel ein völlig ungebrochenes Verhältnis zur revolutionären Gewalt. Er war – glaube ich – der Meinung, dass ohne Gewalt Revolten nicht glücken können. »Die Neger« schrieb er 1958, ein zentraler Text, ein wichtiges Stück zum Thema kolonialer Gewalt. >>Warum haben Sie sich entschieden, »Die Neger« von Jean Genet zu inszenieren?

Johan Simons: Ich komme aus einem Land, das ab dem 16. und besonders im 17. Jahrhundert eine der führenden Kolonialmächte Europas wurde, auch im großen Stil am Sklavenhandel mit Niederlassungen in Westafrika beteiligt war. Unsere Vorfahren haben geplündert und ausgebeutet. Noch heute verdankt sich der Reichtum in meinem Land diesem sogenannten „Goldenen Zeitalter der Niederlande“. Unsere koloniale Vergangenheit, auch die belgische, französische und deutsche, ist ein sehr dunkles Kapitel der Geschichte. Da haben große Teile Westeuropas, ganze Königshäuser und Handelskompanien, sich schwerster Verbrechen gegenüber der Menschheit schuldig gemacht. Der weiße Hofstaat in Genets »Die Neger« repräsentiert koloniale Machtträger des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. In meiner Inszenierung werden wir uns mit dieser Geschichte auseinandersetzen. Kolonialismus war eine Weltkatastrophe. Millionen von Toten haben die damaligen Machthaber auf ihrem Gewissen. Wir haben nicht persönlich Schuld, aber das Bewusstsein für dieses historische Verbrechen muss immer wieder neu geschärft werden. Denn Rassismus und Ausbeutung sind keinesfalls verschwunden. Im Gegenteil, wir leben heute in einer globalisierten, kapitalistischen Welt, in der ökonomische und soziale Diskriminierungen immer größer werden.

Der Titel des Stückes löst große Irritationen aus. Wie gehen Sie damit um?

Johan Simons: Auch bei mir löst der Titel Irritation aus! Aber »Les nègres« ist nun einmal der Originaltitel des Stückes. Als das Stück entstand, also Ende der fünfziger Jahre, war es sicherlich noch selbstverständlich von „Schwarzen“ als „Negern“ zu reden. Heute ist klar: der Titel benennt ein rassistisches Klischee. Und trifft damit das zentrale Thema des Stückes: den diskriminierenden kolonialen Blick, von Ausbeutung und rohester physischer Gewalt begleitet. Ich kann verstehen, dass der Titel schmerzt, gerade wenn man Genets Stück nicht kennt und durch unsere Theateraufführung auch nicht kennenlernen will. Aber gerade weil er provoziert, befördert er auch die wichtige Debatte über vergangenen und gegenwärtigen Rassismus. Der Verlag der Autoren hatte zwischenzeitlich über eine Umbenennung in »The blacks« nachgedacht. Aber abgesehen davon, dass das für Steins Übersetzung rechtlich nicht durchzusetzen war: Edmund White behauptet in seiner umfassenden Genet Biografie, dass der amerikanische Genet Verleger Bernhard Fechner das Stück »The blacks« genannt hat, gerade weil dieser Begriff im damaligen Amerika als diskriminierend empfunden wurde. Das Gleiche würde übrigens auch für das heutige Südafrika gelten. Man sieht: Bedeutungen von Sprache wechseln, nicht nur auf der vertikalen historischen Achse, sondern auch auf der horizontalen, geografischen. Und man kann mit Kunst nicht jeden streicheln. Letztendlich wird die Inszenierung einlösen müssen, was das Stück eigentlich ist: ein hochkomplexes Spiel mit rassistischen Klischees. Nicht nur eine Solidaritätserklärung, sondern auch eine Liebeserklärung an das subversive Potential von Außenseitern.

Wie gehen Sie in ihrer Inszenierung mit den rassistischen Klischees, die Jean Genets Stück verhandelt, um?

Johan Simons: Jean Genet hat dieses Stück, wie er selbst betont, für ein weißes Publikum geschrieben. Diesem sollte der Spiegel vorgehalten werden, dieses Publikum wollte er provozieren, indem diesem Publikum die rassistischen Klischees vorgeführt werden, mit denen Weiße Schwarze denunzieren und auf deren Grundlage sie sie ausgebeutet und unterdrückt haben. Er hat das Stück für schwarze Schauspieler geschrieben, die in einem sehr komplexen Maskenspiel diese Klischees verhöhnen sollten. Als Peter Stein 1983 »Die Neger« inszenierte, hat Genet die Besetzung mit weißen Schauspielern ausdrücklich gebilligt, seitdem sind weitere 30 Jahre vergangen. Wenn ich das Stück heute mit weißen Schauspielern, die weiße und schwarze Masken tragen, inszeniere, geht es mir nicht darum, Schwarze auf der Bühne zu imitieren. Peter Stein hat damals mit seinen Schauspielern den Weg verfolgt, an afrikanischen Ritualen zu arbeiten – an sich als theatraler Vorgang nicht uninteressant, aber ich suche einen anderen Weg. Mir geht es darum, den Schmerz, die Scheu und die Scham aufzuzeigen, die wir, die Schauspieler, das Team, ich als Regisseur empfinden, wenn wir uns auf der Bühne direkt mit unserer historischen Rolle und diesen rassistischen Klischees konfrontieren. Ich werde übrigens nicht nur mit weißen Schauspielern arbeiten. Die zentrale Rolle des Archibald Wellington, der Spielleiter des Stückes, wird von Felix Burleson gespielt werden. Felix Burleson ist ein schwarzer, niederländischer Schauspieler mit Wurzeln in Surinam. Ich kenne ihn schon lange und wollte unbedingt mit ihm arbeiten. Ich möchte das ganze Stück als eine Art „Albtraum“ dieser Figur inszenieren. „In seinem Kopf“, in seiner Vorstellung sollen diese Klischees von weißen Schauspielern mit schwarzen und weißen Masken gespielt werden. Aber noch haben die Proben ja gar nicht angefangen, wir werden sehen, wie weit wir mit diesen Überlegungen kommen. Auf jeden Fall hat es keinen Sinn, über Eierschalen zu balancieren. Wir müssen in unserer künstlerischen Arbeit auch frei sein, schmerzende Wege zu gehen

 

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