von Edmund White

Die letzten drei Stücke Genets – »Der Balkon«, »Die Neger« und »Die Wände« – entstanden in einem äußerst angespannten politischen Klima. Der Algerienkrieg tobte zwischen 1954 und 1962. 1954 führte die französische Niederlage in Dien Bien Phu zur Anerkennung der Unabhängigkeit von Nord- und Südvietnam durch Frankreich. In Ägypten operierte Nasser im Nahostkonflikt mit der Liga der Arabischen Staaten, die sich für einen Panarabismus in der ganzen islamischen Welt stark machte. Die Westeuropäer fürchteten (oder erhofften) einen unmittelbar bevorstehenden Einmarsch der Sowjetrussen, besonders nach deren Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956. >>

Während all dieser Jahre las Genet täglich mehrere Zeitungen und diskutierte unentwegt über Politik. Es interessierte ihn eigentlich nichts mehr als internationale Politik, gesellschaftliche Unterdrückung und der Zusammenbruch des Kolonialsystems. Der Dokumentarfilm »Les Maîtres Fous«, 1954 an der Goldküste gedreht, wurde zur unmittelbaren Inspirationsquelle für »Die Neger«. In der Nähe der ghanaischen Hauptstadt aufgenommen, handelt der Film von Schwarzen aus Accra, die eine Art Exorzismus durchführen. 1958 schrieb Jean Cau, damals noch mit Genet befreundet:

„Haben Sie »Les Maîtres Fous« gesehen, die Filmreportage von Jean Rouch? Im Urwald spielen auf einer Lichtung Schwarze Weiße. Einer von ihnen ist der Gouverneur, ein anderer der General, ein dritter die Frau des Arztes und ein vierter die Lokomotive, von der man, obgleich sie eine Maschine ist, glaubt, dass sie rechtmäßig den Weißen gehört – „poetisch“ gesprochen. Erstaunt denkt der Zuschauer, er sieht einem Spiel zu. Beunruhigt stellt er bald fest, dass das Spiel eine Zeremonie ist, zu der ein Opfer gehört. Tatsächlich töten die Schwarzen einen Hund, ein Tier, das ihre Sekte vor allen anderen verehrt. Nun sind sie bereit, sich zu entmaterialisieren, das heißt, die Welt der Weißen bis zum Absolutesten zu verwirklichen… in einer Art Exorzismus.“ „Theater des Exorzismus“ umschreibt recht genau »Der Balkon« und »Die Neger«, die beiden Stücke schrieb Genet, nachdem er »Les Maîtres Fous« gesehen hatte.

Genet hat immer betont, dass er von schwarzen Schauspielern „gebeten“ worden sei, dieses Stück für sie zu schreiben; sicherlich wollte er ihnen seine Gedanken nicht aufdrängen. Zudem, so Genet, sei „dieses Stück … nicht für die Schwarzen geschrieben worden, sondern gegen die Weißen.“ An anderer Stelle sagte er, er habe es gegen sich selbst geschrieben.

Roger Blin übernahm die Regie. In Italien arbeiteten Genet und Blin einen Monat lang am Text der »Neger« und feilten an jedem Wort. Zu jener Zeit erklärten viele ehemalige afrikanische Kolonien Europas ihre Unabhängigkeit, und die Schauspieler, selbst jene, die nie in Afrika gewesen waren, entdeckten in sich eine ungeheure Sympathie für diese neuen schwarzen Nationen. Später, merkte Blin an, komplizierten die Exzesse schwarzer Diktatoren – etwa Bokassas, der Zentralafrika von 1966 bis 1979 „regierte“ – das Bild, aber Ende der fünfziger Jahre war für die meisten gut und böse noch klar verteilt. Die Bösartigkeit, die Genet seinen schwarzen Personen zuschrieb, erschreckte weiße Linksintellektuelle, die ihren Blick mehr auf den Sozialismus als auf den Rassismus im Allgemeinen gerichtet hielten. In der Aggressivität der Neger sah Genet einen heilsamen Gegensatz zur Harmlosigkeit von Katherine Dunhams schwarzen amerikanischen Tänzern. Diese Truppe hatte nach dem Krieg weite Tourneen durch Europa unternommen. Genet war vom höflichen Auftreten der amerikanischen Tänzer entsetzt: „Ich habe mich bis an den Rand der Übelkeit über athletische Schwarze geärgert, die bereit waren, vor einem – vorwiegend weißen – Publikum ein die Zuschauer befriedigendes Schauspiel aufzuführen, in dem sie ihr Talent, ihr Geschick, ihre Schönheit überreich präsentierten, und das alles nur, um sich möglichst harmlos darzustellen. Und dies in einer Zeit, da ihnen die simple Kühnheit, mit einem Yankee-Bürger in Tuchfühlung zu treten, verweigert worden wäre.“

Genet war begeistert von den Berichten über Blins zweistündige, pausenlose Inszenierung: „Das Ergebnis war nahezu vollkommen.“ Das Stück hatte am 28. Oktober 1959 in dem kleinen Théâtre de Lutèce Premiere. Die Zuschauer wussten kaum, wie sie reagieren sollten: der Schönheit applaudieren, die Feindseligkeit auszischen oder in frostiger Ablehnung das Theater verlassen. Auf jeden Fall aber war das Lutèce jeden Abend ausverkauft, und Genet hatte noch nie so glänzende Kritiken. Am Premierenabend war Genet nicht im Theater. Er war auch nicht in Frankreich. Dem verdutzten Blin schrieb er: „Ich habe es Ihnen gesagt, ich weigere mich, das leibhaftige Gesicht meiner Stücke kennenzulernen …. Um es Ihnen genau zu sagen, ich hatte – ich weiß nicht, wie viele Tage lang – Angst, vor mir selbst, vor Schrecken zu erstarren.“ Die Inszenierung von »Die Neger« war so erfolgreich, dass sie eine ungewöhnlich lange Laufzeit von 169 Vorstellungen hatte. Und als bestes Stück des Jahres 1959 erhielt es den Grand Prix de la Critique.

Die Sprache ist voller Widersprüche, elegant und feindselig zugleich, das beginnt schon beim Titel – das französische »Les Nègres« übersetzte man vielleicht besser mit »Die Nigger«. Die wiederholte Verwendung des Wortes durch die Personen des Stücks ruft Aimé Césaires Prägung des Wortes „négritude“ in Erinnerung. Er und Léopold Senghor hatten in den dreißiger Jahren eine neue schwarze Literaturbewegung in französischer Sprache ins Leben gerufen und ihr als herausfordernde, aggressive Bekräftigung eines zuvor entehrenden Wortes den Namen, „Négritude“ gegeben. Als Frechtman das Stück ins Englische übersetzte (es kam 1961 in New York auf die Bühne), wusste er, dass es einen Aufruhr geben würde, wenn er als Titel »The Niggers« nähme. Folglich wählte er »The Blacks« zu einer Zeit, als die schwarzen Amerikaner sich noch „Negroes“ nannten und „Blacks“ für herabsetzend hielten. Erst später sagte die Black-Power-Bewegung ja zu diesem ehedem negativen Begriff, so wie Césaire „nègre“ bejaht hatte. In einem Brief an den Verleger in England, schrieb Bernard Frechtman: „Wenn’s noch nicht zu spät ist, würde ich gern den Titel des Stücks in »The Blacks« ändern… »The Negroes« ist zu nett und schwammig, hat einen hochmütig liberalen Ton. »The Blacks« hat Biss. »The Niggers« ist natürlich unmöglich. Außerdem ist der Begriff zu eingeengt – lässt nicht an Schwarzafrikaner denken.“

Als »Die Neger« in New York herauskamen, galt die optimistische Stimmung im Land der Bürgerrechtsbewegung zur Rassenintegration. Im Süden der USA ging die Rassentrennung langsam ihrem Ende entgegen. Martin Luther King hatte 1955 in Montgomery, Alabama, erstritten, dass in ein und demselben Bus Menschen jeder Hautfarbe sitzen dürfen, und bald weitete sich die Bewegung auf Restaurants und öffentliche Verkehrsmittel allgemein aus. 1957 schickte Präsident Eisenhower Bundestruppen nach Little Rock, Arkansas, um die Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen zu erzwingen. Der Kongress verabschiedete eine Bürgerrechtsvorlage, die 1960 Gesetz wurde. Ein Jahr später setzte Präsident Johnson das Wahlrechtsgesetz durch, das den Justizminister ermächtigte, Bundesbeamte in die Wahllokale zu schicken, um die Schwarzen zu schützen, die sich in die Listen einzutragen versuchten. Auf den vorübergehenden Burgfrieden des Jahres 1961 ging Genets Stück als Artikulation schwarzen Stolzes und schwarzer Wut wie ein Hagelschauer nieder – schmerzhaft, furchterregend. Mit der Zeit wurde das Stück immer bedeutungsschwerer. Die riesige Demonstration am 28. August 1963 in Washington, die Rechte für Schwarze verlangte, zeigte die Direktheit schwarzer Forderungen; es war der Augenblick von Martin Luther Kings berühmter Rede „I have a dream“.

Als 1965 in Watts, dem Schwarzenghetto außerhalb von Los Angeles, Rassenkrawalle ausbrachen, starben in fünf Tagen gewalttätiger Auseinandersetzungen vierunddreißig Menschen, fünfunddreißigtausend Schwarze plünderten Geschäfte, und an die tausend Gebäude wurden zerstört. In den Ruinen von Watts wurde eine schwarze Theatergruppe gegründet, und eine ihrer ersten Antworten auf die Krisensituation war eine erfolgreiche Inszenierung der »Neger«.

 

Aus: Edmund White: Jean Genet. Aus dem Amerikanischen von Benjamin Schwarz. Kindler, München 1993.

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