1970 wird Genet, sicherlich aufgrund der amerikanischen Rezeption der »Neger«, von den Black Panther in die USA eingeladen.

Aber aus diesem weißen Kopf, weiß aufgrund seiner Haut, seiner Haare, seiner Bartstoppeln, weiß, rosig und rund, die ganze Zeit über in ihrer Mitte, was sollten sie daraus machen? Einen Zeugen? Mein Körper zählte nicht: Er trug allein meinen runden und weißen Kopf. Es war noch viel simpler: die Schwarzen Panther hatten anstelle eines Kindes einen verlassenen Alten entdeckt, und dieser Greis war ein Weißer. Ich verwirklichte dort höchstwahrscheinlich einen uralten kindlichen Traum, in dem mir Fremde – mir im Grunde freilich ähnlicher als meine Landsleute – ein neues Leben schenken würden. Zu diesem kindlichen, beinahe unschuldigen Zustand verhalf mir die Sanftmut der Panther, eine Nachsicht, die mir nicht aus einem Privileg heraus zuwuchs, die ich vielmehr freudig entgegennahm als die, wie es mir schien, den Panthern wesenseigene Natur.  >>

Darüber hinaus war es sehr angenehm, als längst gealterter Mann wieder zum Adoptivkind zu werden, denn schließlich genoss ich einen wahrhaften Schutz und eine zärtliche Erziehung, man konnte die Panther gewissermaßen anhand ihrer pädagogischen Fähigkeiten erkennen.

Dieser Schutz durch die Panther bewirkte, dass ich in Amerika niemals Angst hatte, außer um sie. Und wie durch Zauberei suchten weder die Polizei noch die weißen Behörden mir Steine in den Weg zu legen. Ganz zu Anfang, noch vor meiner Adoption durch David Hilliard, begleitete mich fast immer jemand, wenn ich Harlem sehen wollte, bis zu jenem Tag, an dem ich allein ein Bistro für Schwarze betrat, das nur an Schwarze ausschenkte: Es handelte sich vermutlich um die Vorstufe zu einem Bordell, da die hübschen Mädchen hier mit ihren schwarzen Mackern verkehrten. Ich bestellte eine Coca Cola. Mein Akzent und der Aufbau meines Satzes lösten einen Schwall allgemeinen Gelächters aus. Mitten im Gespräch mit einem Typen und dem Inhaber fanden mich die zwei Panther, die aufgebrochen waren, mich zu suchen, „im Dickicht der Städte“ wieder.

Man sieht jetzt, dass die Partei der Panther nicht nur die Buntheit von Stoffen und Haarfarben der jungen Schwarzen hervorgerufen oder ermutigt hat: Die jungen überspannten Schwarzen von San Francisco, von Harlem oder von Berkeley verbargen und zeigten an, dass eine Waffe gegen die Weißen gerichtet wurde. Die Aufgeschrecktheit der Weißen angesichts der Schusswaffen, der Lederjacken, der Revolte verschworenen Haares, der Lösungen und selbst des teils gehässigen und zärtlichen Tonfalls: Die Panther legten es darauf an. Sie suchten diesen, wenn man so will, theatralischen und dramatischen Ausdruck. Theater, um das Schauspiel aufzuführen und es abzublasen. Ein jedenfalls düsteres Spiel, hergeleitet aus sich selbst und in Szene gesetzt für die Weißen; indem sie sein Erscheinen in der Presse und auf dem Bildschirm anstrebten, wollten sie, dass dieses Bild die Weißen umtrieb, und mittels dieser Drohung ist es ihnen auch gelungen, da das Bild von echten Toten unterfüttert wurde: Der Anblick der Waffen bot plötzlich eine Zielscheibe und ließ die Polizisten feuern. Es gab Tote. Ausschreitungen, die bewiesen, dass die Schwarzen immer bedrohlicher wurden, weniger beeindruckt von den Weißen. In der Folge begannen die Weißen zu erahnen, dass sich neben ihnen eine tatsächliche Gesellschaft bildete. Es hatte sie bereits zuvor gegeben, doch war sie ängstlich, sie neigte dazu, die weiße betrügerisch nachzuahmen, nun löste sie sich von ihr ab, indem sie sich weigerte, deren Zerrbild zu sein: Es ist fast sicher, dass die Panther dabei waren zu siegen, und zwar aufgrund eines lächerlich wirkenden Mittels: mit der Unterstützung von Seidenstoffen, Samt, wilden Frisuren, Selbstbildern, die den Schwarzen verwandelt und verändert haben.

„War es Theater?“ Wie man gewohnheitsgemäß vernimmt, bedarf das Theater eines dramatischen Raumes, eines Publikums, der Probe. Wenn sie spielten, dann taten die Panther es nicht auf der Bühne. Ihr Publikum war niemals unbeteiligt: schwarz wurde es zu dem, was es war, oder es buhte sie aus; weiß war es verletzt und litt unter seinen Wunden. Wenn man annimmt, dass ein idealer Vorhang sich über die Darbietungen senkte, so irrte man sich: die Maßlosigkeit in dem Prunk, der Sprache, dem Auftreten trieb die Panther zu immer neuerlichen, immer gewaltigeren Exzessen. Die Panther bemühen sich, die Gebieter zu terrorisieren, wenngleich mit dem einzigen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel: der Parade. Die Parade ist die Parade, sie riskiert, in die pure Imagination abzudriften, nichts weiter als ein bunter Karneval zu sein, und das war, was die Panther in Kauf nahmen. Hatten sie die Wahl?

Die wenigen Weißen, die mit den Panthern sympathisierten, gerieten schnell außer Atem. Sie konnten ihnen höchstens ins Reich der Ideen folgen, jedoch nicht in die Winkel, in denen die Schwarzen verschanzt gezwungen waren, eine Strategie auszuarbeiten und durchzuführen, die ihre Quellen aus dem Imaginären schöpfte. Die Metamorphose gewann die Oberhand über den Rest, und daher kann man sagen, dass die Panther gesiegt haben, dank der Poesie.

Ich habe das Vorangegangene also aufgeschrieben, und ich möchte es hierdurch berichtigen: Trotz der Ausbrüche von Gelächter, der Gesänge, der Tänze, bedeckt Hoffnungslosigkeit das ganze Volk der Schwarzen. Begünstigter Zeuge eines Mysteriums gehörte ich eher dem Pragmatismus der Weißen an.

In der Yale University, als die Gruppe der sieben Panther eintraf, eingeladen zu einer Konferenz, deren Anlass die Verhaftung von Bobby Seale war, waren die dreitausend weißen Zuhörer dreitausend Angreifer. Ihr Kreis zog sich um die Panther, doch anstelle der Fäuste sandten sie in Europa geschärfte Argumente aus, auf den Punkt gebracht von tausend Jahren Christentum. Die Panther akzeptierten die Regeln nicht: „Euren Einwendungen werden wir vorläufig nicht mit Gegendarstellungen widersprechen, sondern mit Gefeixe und Beschimpfungen. Ihr seid rücksichtslose Streithammel genug, eure Theologen aus Metall haben Körper und Geister zerbrochen. Unsere. Wir werden euch schwer beleidigen, und erst daraufhin werden wir mit euch sprechen. Wenn ihr geschlagen, zerschlagen seid, nennen wir euch ganz ruhig unsere Gründe. Ruhig und souverän.“

Jenen, die ich nenne, ist das Heldenstück gelungen, um sich her und für die Zukunft ein exemplarisches, das heißt einzigartiges Bild auszustrahlen – mit dem, was sie waren, übereinstimmend oder nicht, aber das hat keinerlei Bedeutung, da sie daraus ein energisches Image zu reißen verstanden – die einzige Botschaft, der es gelang, sich bis in unsere Gegenwart hineinzuschleudern. Das Theater wird vielleicht in seiner gegenwärtigen, mondänen – schon, könnte man glauben, bedrohten – Form verschwinden, die Theatralität hingegen ist konstant, solange sie dieses Verlangen ist, nicht Zeichen, sondern vollständige, verdichtete, eine Realität, die womöglich eine Abwesenheit von Sein ist, verstellende Bilder zu entwerfen. Die Leere. Sobald man sich für ihn entscheidet, kommt der Augenblick dieser Revolutionen, deren bis zum Hals in den Samt einer Theaterloge im italienischen Stil eingesunkene Zuschauer wir sind. Woher sonst, als aus einer Loge heraus, nimmt man an diesen Revolutionen teil, wenn sie in erster Linie Befreiungskriege sind? Von wem wird man sich dort unten befreien?

Aus: Jean Genet: Werke in Einzelbänden, Bd. IV: Ein verliebter Gefangener.
Merlin Verlag, Gifkendorf 2006.

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Black Panthers, Historischer Hintergrund, Jean Genet, Kunst und Politik