Ein skandalöser Dichter – Gespräch mit Jean Genet
Von Hubert Fichte >>

HUBERT FICHTE: Monsieur Genet, bis vor kurzem hatten Sie keine feste Adresse. Sie lebten in kleinen Hotels…

JEAN GENET: Das stimmt auch. Ich habe zufällig meinen Pass hier. Da haben Sie meine Adresse. Lesen Sie!

FICHTE: 5, rue Sébastien-Bottin. Die Adresse von Gallimard.

GENET: Das ist meine offizielle Anschrift.

FICHTE: Ist es nicht schwierig ohne Wohnung? Man kann keine Freunde einladen. Man kann nicht kochen.

GENET: Und? Klar. Es gibt Probleme. Aber es ermöglicht auch die Verantwortungslosigkeit. Ich bin gesellschaftlich für nichts verantwortlich. Und es ermöglicht auch ein unmittelbares Engagement, einen Entschluss auf der Stelle.

FICHTE: Fürchten Sie sich, von einem gewissen bürgerlichen Luxus eingefangen zu werden, den Sie sich auf Grund Ihres Erfolges leisten könnten?

GENET: Nein. Ich glaube nicht. Ich habe keinerlei Bewunderung für bürgerlichen Luxus. Er müsste schon die Qualitäten eines Renaissanceschlosses aufweisen. Meine Einkünfte erlauben mir nicht, Hof zu halten wie ein Borgia. Eine bewohnbare prunkvolle Architektur hat es seit der Renaissance nicht mehr gegeben.

FICHTE: Warum bewundern Sie Strindbergs »Fräulein Julie« und lehnen Brechts »Galileo Galilei« ab?

GENET: Brecht hat nur Quatsch gesagt. Galilei zitiert Dinge, die offensichtlich sind – der Strindberg von »Fräulein Julie« nicht. Bei Brecht weiß ich immer, was kommen wird. Nichts von dem, was Strindberg sagt, kann anders als auf dichterische Weise gesagt werden. Alles, was Brecht sagt, kann in Prosa gesagt werden und ist in Prosa gesagt worden.

FICHTE: Das war seine Absicht. Er nannte das „Episches Theater“. Aber schon Strindberg und gerade in seiner Einleitung zu »Fräulein Julie« führt im Grunde schon den Verfremdungseffekt ein und den Brechtschen Zuschauer mit der Zigarre.

GENET: Indem man die Geste eines Zigarrenrauchers wählt, begeht man dem Kunstwerk gegenüber eine Ungeniertheit, die es nicht erlaubt. Ich kenne die Rothschilds nicht, aber ich könnte mir denken, dass man mit den Rothschilds über Kunst redet, indem man Zigarre raucht.

FICHTE: Sie halten die Brechtsche Geste für bourgeois, kapitalistisch?

GENET: Sie sieht mir danach aus.

FICHTE: Wenigstens vor Kunstwerken – da Sie gerade ein Zigarillo rauchen.

GENET: Ich glaube, die Haltung einem Kunstwerk gegenüber ist Kontemplation. Ich verliere mehr und mehr das Gefühl, ich selber zu sein, das Gefühl des Ich. Es bedarf einer derart großen Anstrengung vor dem Kunstwerk, dass ich in einem Museum nur zwei oder drei Bilder ansehen kann und in einem Konzert nur ein oder zwei Stücke hören. Ich bin zu müde…

FICHTE: Und bei der Lektüre?

GENET: Ist es das gleiche. Ich habe zwei Monate gebraucht, um »Die Brüder Karamasow« zu lesen. Ich war im Bett. Ich hielt mich in Italien auf. Ich las eine Seite… Ich musste zwei Stunden darüber nachdenken. Und dann das gleiche noch einmal. Das ist ungeheuerlich. Das macht Sie fertig. Wenn ich nicht, mit meinen bescheidenen Mitteln, Monteverdis Messe der Beata Vergine beim Hören komponiere, höre ich nichts. Wenn ich nicht die Brüder »Karamasow« beim Lesen schreibe, geschieht nichts.

FICHTE: In Ihrem Werk gibt es eine Bewunderung der schönen, eleganten Brutalität.

GENET: Wissen Sie, ich war 30 Jahre, als ich meine Bücher schrieb. Ich bin heute 65.

FICHTE: Sie haben erklärt, dass die Black Panther eine künstlerische, eine poetische Revolution machten. Künstlerische, poetische Revolutionen treffen selten mit ökonomischen, sozialen Revolutionen zusammen.

GENET: Politische Revolutionen werden nie durch künstlerische Revolutionen ergänzt. Wenn politische Revolutionäre eine völlige Veränderung der Gesellschaft erreicht haben, befinden sie sich vor dem folgenden Problem: Sie müssen ihre Revolution auf eine möglichst adäquate Weise ausdrücken. Es scheint mir, dass sich alle Revolutionäre der allerakademischsten Ausdrucksmittel bedienen, Ausdrucksmittel eben der Gesellschaft, die sie gestürzt haben oder die sie stürzen wollen. Als ob sich die Revolutionäre sagten, wir wollen dem Regime, das wir gestürzt haben, beweisen, dass wir es genauso gut können. Und dann imitieren sie die Akademismen, die offizielle Malerei, die offizielle Architektur, die offizielle Musik. Sehr viel später planen sie eine Kulturrevolution, und dann berufen sie sich nicht mehr auf den Akademismus, sondern auf die Tradition, und suchen neue Formen, um die Tradition auszudrücken. Was verdanken wir der Revolution von ’48? Baudelaire, sagt man, war auf den Barrikaden. Aber Baudelaire hatte schon vorher die schönsten Gedichte der »Fleurs du Mal« geschrieben. Wir verdanken der Revolution von ’48 die »Education Sentimentale«, geschrieben von Flaubert, der überhaupt nicht für die Revolution war.

FICHTE: Geschah im Mai 1968 eine Revolution, wie Sie sie sich wünschen?

GENET: Nein, nein. Es ist viel über den Mai ’68 geschrieben worden. Man hat von einem „Mimodrama“ gesprochen, und das scheint mir ziemlich genau. Ein Teil der mutigsten Studenten besetzten das Théâtre de l’Odéon. Ich war zweimal im Théâtre de l’Odéon, als es besetzt war. Das erste Mal existierte eine Art inkantatorischer Gewalttätigkeit. Als ich das zweite Mal kam, war diese Gewalttätigkeit verschwunden. Die Worte, die auf der Bühne gesprochen wurden, es waren zum Teil Anordnungen, wurden vom Publikum angenommen und zurückgeworfen, wie ein Echo, von der Bühne ins Publikum, vom Publikum auf die Bühne, schwächer von Mal zu Mal… Die Studenten hatten also ein Theater besetzt. Was ist ein Theater? Erst einmal: was ist Macht? Es scheint, als könnte die Macht nie ohne Theatralität auskommen. Die Macht schützt sich durch Theatralität. Und das in China, in den USA, in England, in Frankreich, überall. Es gibt einen Ort auf der Welt, wo die Theatralität keine Macht verbirgt – das Theater. Es ist ganz ohne Gefahr. Im Mai ’68 haben die Studenten ein Theater besetzt, das heißt, einen Ort, aus dem jede Macht verjagt wurde, wo allein die Theatralität übriggeblieben ist. Wenn sie noch das Palais de Justice besetzt hätten – es wäre erst einmal schwieriger gewesen, das Palais de Justice wird besser bewacht als das Théâtre de l’Odéon. Sie wären gezwungen gewesen, Urteile zu fällen, Leute ins Gefängnis zu stecken. Es wäre der Beginn einer Revolution gewesen. Sie haben es nicht getan.

FICHTE: Wenn Sie sagen, im Mai ’68 hätten die Studenten Leute ins Gefängnis stecken sollen, so erscheint mir das gerade von Ihnen sehr hart.

GENET: Oder die Gefängnisse abschaffen. Auf jeden Fall ein Urteil abgeben, Stellung beziehen.

FICHTE: Kann man nicht etwas Fortschrittlicheres verlangen als ein Todesurteil?

GENET: O ja! Die Chinesen haben das im Fall des alten Mandschu-Kaisers getan. Sie haben ihn zum Gärtner gemacht.

FICHTE: Und das erscheint Ihnen fortschrittlicher als das Todesurteil gegen Louis XVI.?

GENET: Nein, ironischer. In beiden Fällen handelt es sich darum, die Souveränität eines Menschen zunichte zu machen. Louis XVI. war sehr geschickt mit seinen Händen. Er verfertigte Türschlösser. Wenn die Französische Revolution aus ihm einen guten oder mittleren Schlosser gemacht hätte, wäre das ebenso schön gewesen, wie ihm den Kopf abzuhacken. Aber das Kräfteverhältnis im Augenblick der Schreckensherrschaft von 1791/92 war derart, dass man ihn nur zum Tode verurteilen konnte oder exilieren. Ihn zu exilieren, wäre sehr gefährlich gewesen.

FICHTE: Die Tatsache, dass ein Entrechteter mordet, finden Sie bewundernswert?

GENET: Man darf die Kategorien nicht durcheinanderbringen. Es gibt literarische Kategorien und Erlebniskategorien. Die Idee eines Mordes kann sehr schön sein. Ein wirklicher Mord ist etwas anderes. Ich habe kurz nach der Befreiung gesehen, wie ein Algerier einen Franzosen ermordete. Sie spielten Karten. Ich stand neben ihnen. Der Algerier war 24 Jahre alt. Er hatte kein Geld mehr. Er hatte sich vollständig von dem Franzosen übers Ohr hauen lassen. Er bat darum, dass man ihm Geld leihe, um sein Glück noch einmal zu versuchen. Man hat es ihm verweigert. Er zog sein Messer und tötete, und ich habe den Typ sterben sehen. Und das war sehr schön. Warum? Dieser Mord war die Vollendung einer Revolte, die der junge Algerier schon seit langem in sich fühlte. Die Revolte war schön, nicht so sehr der Mord selber. Die Gefahr gab ihm eine Kraft, eine Überzeugung. Der Mörder musste fliehen und wurde nicht wieder eingefangen. Ohne Risiko zu töten, als Polizist, nein, das finde ich nicht sehr bewundernswert.

FICHTE: Warum haben Sie keinen Mord begangen?

GENET: Wahrscheinlich, weil ich meine Bücher geschrieben habe.

FICHTE: Waren Sie von der Idee besessen, einen Mord zu begehen?

GENET: Ja. Aber einen Mord ohne Opfer. Es kostet mich eine Anstrengung zu glauben, das Leben oder der Tod eines Menschen seien unwichtig, nur weil der Tod notwendigerweise kommen wird, ob er nun durch mich eintritt, durch einen Herzschlag oder durch einen Autounfall. Das sollte mir nicht wichtig sein, und dennoch ist es das. Sie könnten mir jetzt die Frage stellen, ob ich den Tod eines Menschen verursacht habe.

FICHTE: Ja.

GENET: Und ich würde Ihnen nicht antworten.

FICHTE: Unbeabsichtigt?

GENET: Nein. Absichtlich. Die Frage lautet: Haben Sie absichtlich den Tod eines Menschen verursacht?

FICHTE: Ja.

GENET: Ich antworte nicht.

FICHTE: Glauben Sie, dass dies Interview eine Idee von Ihrem augenblicklichen Denken gibt?

GENET: Die Wahrheit ist nur möglich, wenn ich ganz alleine bin. Die Wahrheit hat nichts mit einer Beichte zu tun. Die Wahrheit hat nichts mit einem Dialog zu tun. Ich spreche von meiner Wahrheit. Ich habe versucht, Ihre Fragen so genau wie nur möglich zu beantworten. In Wirklichkeit war ich sehr ungenau. Ich kann niemandem etwas sagen. Ich kann nur lügen.

FICHTE: Lüge drückt eine doppelte Wahrheit aus.

GENET: Ja, entdecken Sie die Wahrheit, die sich darin befindet. Entdecken Sie, was ich verbergen wollte.
Auszüge aus: Hubert Fichte: Ich erlaube mir die Revolte. Ein skandalöser Dichter – Gespräch mit Jean Genet.
Aus: DIE ZEIT Nr. 08, 13. Februar 1976.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Latest Posts By schauspielhaushamburg

Kategorie

Über das Stück, Historischer Hintergrund, Jean Genet