Klischees da, wo man sie am wenigsten erwarten würde.
von Sénuovo Agbota Zinsou (Togo / Bayreuth)

 

Die Spielregeln
Wenn jemand darüber klagt, Opfer von Rassismus zu sein, erscheint es als eine im ersten Hinblick einfache und dennoch nach gründlicher Analyse komplexe Angelegenheit. Was erfassen wir letztendlich pauschal unter dem Oberbegriff „Rassismus“, ohne viel darüber nachzudenken? >>Wenn im Ausland, insbesondere Deutschland, jemand über mich, ein Mitglied meiner Familie oder generell über einen Schwarzen etwas Abwertendes beziehungsweise Diskriminierendes sagt, um zu beleidigen, stelle ich mir immer die Frage, ob es nicht auch bei uns vorkommt, dass wir gegeneinander dieselbe beleidigende Sprache verwenden, obwohl wir im selben Dorf leben und Bürger desselben Staates sind. Solche Ausdrücke sind selbstverständlich klischeehaft. Sie sind teils humorvolle Redewendungen, teils Spiegelbild der Beziehungen zwischen freundschaftlich rivalisierenden Familien, Clans, benachbarten Stadtvierteln und Dörfern. Jeder möchte dem anderen überlegen sein, aber oft glaubt man selber an die eigene Vormachtstellung nicht, so dass man diese demonstrieren muss, nicht wahr? „Wer über einen Blinden in einem Lied schlecht spricht, tut seinem eigenem Dorf etwas an.“ Wenn man ein Dorf beschimpfen will, braucht man infolgedessen nur einen Invaliden in diesem Volk aufzufinden, um sich darüber zu freuen, dass kein solcher „Krüppel“ zum eigenen Volk zählt. Zumindest in bestimmten Gesellschaften versucht man, auf Blinde, Bucklige usw. bei den anderen hinzuweisen, wobei die Spielregel, nach der die anderen gleichermaßen Anspruch darauf haben, den in der eigenen Gesellschaft versteckten Invaliden aufzuspüren, anerkannt wird. Daraus ergibt sich ein Wortgefecht und Gesangsduell mit Einhaltung bestimmter Spielregeln. Das beginnt im Dorf selber, auf dem Marktplatz, wo jede Gruppe mit Trommelband, Sängern, Tänzern mit eigener sorgfältig ausgewählter Tracht auftritt und sich der anderen stellt. Es geht nicht nur darum, dem Gegner Schaden zuzufügen, indem man auf seine Schwachstellen genau hinweist, beziehungsweise ihn zu verspotten, ihn seiner Arroganz und seines Hochmuts zu berauben, sondern gleichzeitig auch ihn zurechtzuweisen, wenn der Eindruck entsteht, dass er sich anmaßt jemand zu sein, der er in Wirklichkeit nicht ist. Es geht darum, als Sieger anerkannt zu werden. Das bedeutet, dass man dem Gegner überlegen ist, dass man mehr Traute und mehr in der Hose hat. Um zu wissen, wer den Sieg davonträgt und wer in diesem Duell der Unterlegene ist, ist das Publikum der Schiedsrichter. Es entscheidet durch sein Gelächter und seinen Applaus. Wenn das Gefecht beendet ist, werden die vorigen Gegner wieder die Mitglieder ein und derselben Gesellschaft, ein und desselben Volkes. Sie müssen solidarisch miteinander handeln und ihre Gemeinschaft verteidigen. Ohne übertriebene Idealisierung kann das Gefecht innerhalb ein und derselben Gesellschaft vielen Konflikten vorbeugen. Es ist wie ein Boxkampf: der schönste Augenblick nach meinem Empfinden ist gekommen, wenn beide Gegner einander voller Respekt grüßen und dann einander umarmen, nachdem sie äußerst rücksichtslos aufeinander eingeschlagen haben. Was afrikanische Gesellschaften anbelangt, möchte ich wiederum betonen, dass man sie nicht idealisieren sollte; wäre es so einfach, hätten wir keine solche blutigen Konflikte, um nur einige zu nennen, wie in Ruanda, Burundi und im Demokratischen Kongo, in Côte d’Ivoire oder in Darfur, die im Brennpunkt der Gegenwart stehen. Was ethnisch und rassistisch motivierte Verhaltensmuster Unritterliches an sich haben, daher auch an Entwürdigendes, für Opfer und Täter zugleich, ist die Regellosigkeit, um die Überlegenheit dem anderen gegenüber auszudrücken. Dieser Versuchung kann jeder Mensch unterliegen, wer er auch sein und aus welchem Land er kommen, welche „Rassenzugehörigkeit“ er auch immer haben mag. In jedem von uns verbirgt sich eine Art von Erdbeben, wenn wir nicht wissen, wie wir uns einem anderen gegenüber verhalten sollten. Die Fähigkeit, das Epizentrum dieses Erdbeben mit klarem Verstand zu analysieren, ist das, was uns am meisten fehlt.

 

Ein Gymnasiallehrer hatte mit mir Kontakt aufgenommen, bevor er seine SchülerInnen zu einer Klassenfahrt begleitete. Die Reise bestand in einem einwöchigen Aufenthalt in einer Stadt, sechzig Kilometer entfernt von Bayreuth. Afrika war das Thema. Der Lehrer hat mich in einem Café eingeladen und hat mir zwischen Tee und Kuchen erklärt, was von mir erwartet wurde: Ich sollte zusammen mit den Schülern und Schülerinnen am Aufenthaltsort wohnen. Selbstverständlich kommt kein Honorar in Frage, aber „wir übernehmen eine Woche lang Ihre Reisekosten und Verpflegung“. Ich habe geantwortet, dass ich aus zeitlichen Gründen nicht eine Woche lang außerhalb Bayreuths sein könne. Ich habe vorgeschlagen, einen Thementag zu organisieren, um über mein Land und dessen Kultur usw. zu sprechen. Eine solche Veranstaltung hatte ich bereits mit großem Vergnügen, das ich mit dem Publikum teilte, in anderen Städten in Frankreich, in der Schweiz, in den USA und in Deutschland organisiert. Aber dieses Schulprojekt hatte völlig andere Züge: es sollte den Schülern und Schülerinnen ermöglichen, das Objekt „Afrikaner“ selbst zu studieren, zu beobachten, wie er sich hinsetzt, wie er steht, wie er sich hinlegt, wie er isst …Ich muss gestehen, dass ich beinahe gelacht habe, ich musste mich wirklich sehr beherrschen. Aber ich bot wiederum an, einen anderthalb Stunden langen Vortrag mit anschließendem Austausch mit den Schü lern zu organisieren. Da ich Schauspieler für ein Theaterstück suchte, wäre es für mich eine gute Gelegenheit, unter den Zuhörern nach passenden Darstellern zu suchen, habe ich hingefügt. „Sie beschäftigen sich mit Theater?“, fragte er, wobei schon sein Blick seine Ungläubigkeit verriet. „Ja“, antwortete ich. „Welches Stück inszenieren Sie?“ Ich habe geantwortet, dass ich eines meiner eigenen Werke vorhatte zu inszenieren. Da ich das Manuskript in der Aktentasche hatte, habe ich es ihm gezeigt: „Und das haben Sie ganz allein geschrieben?“, lautete seine letzte Frage, auf die ich mich nicht verpflichtet gefühlt habe zu antworten. Er hat mich sehr freundlich zu meinem Arbeitsplatz zurückgefahren, und beim Abschied hat er versprochen, mich anzurufen, um mir Bescheid zu geben, ob er mein Angebot für einen Thementag mit seinen Schülern annimmt. Er hat mich nie wieder angerufen. Was war passiert? Ein einfaches Missverständnis? Das Projekt dieses Lehrers war lobenswert, aber ich hätte nie gedacht, dass ich für auszubildende Ethnologen zum Studienobjekt werden könnte; ich war mir dessen nicht bewusst, dass ich sämtliche Afrikaner auf dem Dorf und in der Stadt vertreten könnte, sowie sämtliche einzigartige Kulturen, sämtliche Art und Weisen, sich hinzusetzen, sich hinzulegen und alles andere. Ich habe mich auch gefragt, wie ein deutscher Mitbürger in Togo reagieren würde, wenn ein togolesischer Lehrer ihn darum bitten würden – im Namen des „wissenschaftlichen Fortschritts“ – unter seinen Schülern zu leben, damit sie eine Woche lang den „europäischen Typ“ studieren könnten, und dabei seine beruflichen Aktivitäten in der Zwischenzeit ruhen zu lassen. Das Erdbeben hat vielleicht diesen Gymnasiallehrer erschüttert, als er entgegen aller Erwartungen hören musste, dass ich mich mit Theater beschäftige und nach Schauspielern suche. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem meiner Freunde am Anfang meines Aufenthalts in Bayreuth. Er wiederholte in einem fort in Anwesenheit anderer Personen: „Wenn du eine afrikanische Theatergruppe hast, wirst du das und jenes tun können.“ Eine der anwesenden Personen fragte ihn auf deutsch: „Wozu eine afrikanische Theatergruppe?“ Er antwortete: „Die Deutschen werden ihn nie als Regisseur akzeptieren.“ Ein anderes Mal sagte jemand mitten in einer Diskussion über Molière: „Wenn es sich nicht um Afrika handelt, was kannst du uns zeigen?“ Es ist durchaus eine logische, fast objektive Betrachtungsweise. Ein Ingenieur aus Benin berichtet, dass dasselbe Erdbeben seine Gesprächspartner jedes Mal erschüttert, wenn er sich vorstellt: „Ein Afrikaner Ingenieur? Sportler: ja, Musiker: ja, Tänzer: ja. Aber Ingenieur?“ Wenn er eine Baustelle mit einem deutschen Mitarbeiter, der ihm unterstellt war, betrat, wandten sich ihre Gesprächspartner an den Deutschen. Es ist ja klar: derjenige, der die geeignete Hautfarbe für einen Ingenieur hat, ist der Deutsche. Ich könnte noch weitere Beispiele anführen. In einem Altenheim, in dem meine Frau gearbeitet hat, erfährt eine Kollegin, dass sie einen Abschluss als Sozioalarbeiterin hat, und wird ebenfalls von diesem Erdbeben erschüttert, allein aufgrund des Gedankens, dass meine Frau mit ihrem Diplom prahlen könnte. Sie sagte ihr nach einigen Fehlversuchen, um sie zu provozieren: „Auch mit Schule – ein Neger bleibt ein Neger.“ Wir haben beschlossen, eine Klage wegen rassistisch motivierter Aussagen einzureichen und haben die Dienste eines Anwalts in Anspruch genommen. Er akzeptierte zunächst, die Klage an die Nürnberger Gerichte weiterzuleiten. Der Anwalt teilte uns die Antwort des Richters mit, der befugte, es handle sich um eine interne Angelegenheit im Altersheim, die die Betriebsordnung betrifft. Der Richter erklärte also die Klage als unzulässig. Der Rechtsanwalt fügte hinzu, offensichtlich mit der Absicht, die Sache zu bagatellisieren: „Die Tatsache, dass man von Ihnen, als den ‚Negern‘ spricht, dass Sie nichts wissen …, könnte auch ein bedeutungsloser Spaß sein.“ Ich muss dazu sagen, dass ich ihn nicht weiter sprechen ließ und rief: „Schluss! Wir haben schon bezahlt!“

 

Aus: Susan Arndt, Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte Kritische Weißseinsforschung in Deutschland.
Unrast Verlag, Münster 2009.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Latest Posts By schauspielhaushamburg

Kategorie

Rassismus