von Hans Mayer

Man kann die Geschichte des Sträflings und Schriftstellers Jean Genet auf sehr verschiedene Weise erzählen. Das Kind einer Prostituierten, wie zu vermuten steht, wird von der unehelichen Mutter preisgegeben und der öffentlichen Fürsorge überlassen. Die Assistance Publique gibt den kleinen Jungen, der in Paris zur Welt kam, aufs Land und zu Bauersleuten in Pflege. Die ersten Lebensjahre müssen ereignislos gewesen sein. Nichts kam vor, was auffallen könnte. Kein körperliches Gebrechen, keine geistige Störung. >> Allein das Kind ist diebisch, offenbar in aller Unschuld und aus Neigung. Mit zehn Jahren sieht es sich ertappt, als „Dieb“ qualifiziert, ausgestoßen. Immer neue Diebstähle und die ersten Verurteilungen. Dann die Strafkolonie für Jugendliche in Mettray. Sie wurde später aufgelöst. Genet hat ihre Innen- und Außenwelt im »Miracle de la Rose« beschrieben. Wer Mettray verlässt, hat die Lehrzeit als Verbrecher beendet. Es folgen die Wanderjahre eines Diebes. Im »Journal d’un Voleur« sind auch sie mitgeteilt worden: Hunger und Ausweisung, Prostitution und Dieberei, die ersten planmäßigen Einbrüche und die Gelegenheitsdienste als Polizeispitzel, der seine Kumpane anzeigt. Eine europäische und nordafrikanische Welt, geschildert aus der Perspektive des Strichjungen und professionellen Diebes. Prag und Warschau, Deutschland und Österreich, der Strich zu Barcelona und auf der Place Pigalle. Neue Verurteilungen. Der Berufsverbrecher kommt dem Bescheid über eine Sicherungsverwahrung auf Lebenszeit immer näher.

Als Genet ins dreißigste Jahr geht, zwanzig Jahre nach der ersten Strafaktion, ist Krieg in der Welt und in Frankreich. Im verzweifelten Warten auf die endgültige Einschließung beginnt er zu schreiben. Die Texte werden „draußen“, bekannt: Leute wie Sartre und Cocteau und Picasso setzen sich für ihre Veröffentlichung ein, und für die Haftentlassung des Autors. Beides hat Erfolg. Die Bücher zwar werden unter dem Ladentisch verabreicht und von der Polizei verfolgt; auch die erste Übersetzung des Romans »Querelle de Brest«, bei Rowohlt in Hamburg führte zum Prozess und zur Verurteilung des Verlegers. Allein die Kritik preist allenthalben das literarische Genie des Sträflings, der begnadigt wird, schließlich mit Theaterstücken aufgeführt werden kann, neue Bücher drucken lässt. Jean Genet ist von nun an „Literaturgeschichte“. Der berühmte Autor braucht nicht rückfällig zu werden.

Eine schöne Geschichte, die gut ausgeht. Die einzelnen Fakten dürften vermutlich stimmen, bloß ihre kausale und psychologische Verknüpfung hängt völlig durch. Schuld und Sühne, oder besser: Schuld und Gnade, oder noch besser: Befreiung durch Arbeit und Genie. Das ist eine gutbürgerliche Story. Trotzdem: sollte alles miteinander in der geschilderten Weise verzahnt werden können, „so sprächen die Bücher dieses Geretteten schroff gegen alle Erbaulichkeit.“ Sie wurden nicht als Texte der Auferstehung, sondern der Verdammung konzipiert.

Ein durchaus neuer Denkansatz ist nötig. Dass sich Genet durch Schreiben von den äußeren Zwängen, die er bisher interiorisiert hatte, freimachen konnte und dadurch zur Identität gelangte, ist unverkennbar. Das war nicht ungewöhnlich, besitzt nahezu bereits Klischeecharakter. Das Kind Genet verwandelt sich in den Verbrecher, der erkannt und ausgestoßen wird; der Verbrecher akzeptiert zuerst die Spielregeln, dann die Sprachformen, schließlich die spezifischen Gegenwerte einer sogenannten Unterwelt in ihrer Relation zur Oberwelt und Oberschicht. Von hier bricht Genet auf und geht allein weiter. „In einem Sturmlauf nach dem größtmöglichen Verbrechen schlägt Genet alle Rekorde“, heißt es bei Sartre. Er vertreibt für sich die Moral aus aller Theorie und aller Praxis. Nur noch das schöne Ritual soll gelten, die schöne Aktion, der schöne Mensch. Auch der Tod der Mörder Pilorge oder Harcamone unter dem Fallbeil ist ein schönes, poetisches Ritual. Zurückbleibt die hässliche (und moralische) Bürgerwelt.
Die Negierung bürgerlicher Werte mit Hilfe der durch die bürgerliche Gesellschaft ihrerseits negierten Werte führt aus dieser Gesellschaft nicht heraus. Sie verhält sich wie Nietzsches Atheismus zum Christentum oder Gides Immoralismus zum protestantischen Moralismus oder wie das Anti-Theater zum Theater. Es begann zwar eine Jagd auf die gedruckten, doch verbotenen Bücher mit jener Gegenmoral, allein bald wurde auch die Aktion gegen das Buch »Querelle de Brest« zum literarhistorischen Testfall wie einst »Madame Bovary«, dann der »Ulysses« von Joyce, schließlich wie Henry Millers »Tropic of Cancer«. Am Ende stand die Taschenbuchausgabe im freien Verkauf.
Die Bedeutung des Experiments Jean Genet, mit aller Beunruhigung, die davon immer wieder ausgeht, liegt im „Verhältnis des Homosexuellen Genet zur homosexuellen Literatur“. Hier wurde ein Wendepunkt erreicht und gesetzt. Vorübergehend waltet da so etwas wie Lässlichigkeit. Nobelpreisträger Gide, Jean Cocteau de l’Académie Française. Dennoch erinnert sich jede neu auftretende autoritäre Ordnung recht bald der Leute mit dem geheimen rosa Zeichen, das sie im Dritten Reich in den Lagern zu tragen hatten. Als Stalins Macht kaum mehr angefochten war, änderte er die lässlichen Strafgesetze der damaligen Sowjetunion; Gorki stand auch hier zur Seite und entdeckte die moralische Verkommenheit eines Verlaine. Fidel Castro schloss eine Mehrheit gegen die suspekten und offenbar durch ihre Existenz diversantischen Außenseiter des Sexualverhaltens zusammen. Der Ruf nach „Recht und Ordnung“ meint stets auch die Ordnung im Bett und das Unrecht der Minderheit.

Stets wiederholt sich der Fall Andersen einer missglückten Integration, jener von Verlaine / Rimbaud als missglückte Provokation, der Todeswunsch Ludwigs von Bayern, Tschaikowskis, Lorcas und Klaus Manns. Genet hat all diese Alternativen verworfen. Stark ausgeprägt wurde die „Entscheidung für das Überleben“ und gegen den Suizid. Hier schreibt ein Homosexueller homosexuelle Literatur. Er verwandelt nicht den geliebten Albert, wie bei Proust, in eine Albertine. Auch trennt er nicht, wie Gide beim Schreiben des Traktats »Corydon«, das reale Ich des Schreibenden vom Geschriebenen. Er spielt nicht den reuigen Sünder, dem zu vergeben für die Gesellschaft so süß und so konservierend ist: das geschah bei Verlaine, bei Maurice Sachs in der Zelle zu Fuhlsbüttel, bei Jouhandeau.

Jean Genet sprach ohne Bitte um Verständnis, ohne Retrospektive und ohne eine – unmögliche – Sachlichkeit. Genet bekennt nicht. Wem auch? Er preist sich auch nicht, wie Allen Ginsberg. Ganz gewiss wird er sich nicht in einer Bewegung für „Gay Power“ integrieren. Wer einen Wendepunkt setzte und erreichte, kann nicht mehr zurück. Allein er kann auch nicht weiter. Das „Schweigen Jean Genets“, des Schriftstellers, kann privat gedeutet werden: als Abschluss eines Identitätsvorgangs. Ernster zu nehmen ist eine objektivierende Interpretation, die vom Erreichten her nur noch eine letale Alternative zu erkennen vermag: Wiederholung oder Regression. Das Schweigen Genets scheint anzudeuten, dass er auch diese Alternative ablehnt.

Aus: Hans Mayer: Außenseiter. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981.

 

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Jean Genet, Kunst und Politik