Dies ist das digitale Programmheft zu Johan Simons‘ Inszenierung von Jean Genets »Die Neger« (»Les Nègres«), eine Koproduktion der Wiener Festwochen, des Deutschen SchauSpielHaus Hamburg und der Münchner Kammerspiele.

Die Produktion hat bereits vor ihrer Premiere am 3. Juni bei den Wiener Festwochen für Diskussionen gesorgt, in der Bevölkerung wie in der Presse. Das digitale Programmheft soll ein Ort sein, um diese Diskussionen fortzuführen, zu diversifizieren und zu moderieren. >>
Weiterlesen

„Dieses Stück ist nicht für die Schwarzen geschrieben worden, sondern gegen  die Weißen.“

Jean Genet über »Die Neger«


Seit ihrer ersten Ankündigung in den Jahresprogrammen der beteiligten Theater hat die Produktion »Die Neger« von Jean Genet in der Inszenierung von Johan Simons für Diskussionen gesorgt. Von Aktivisten wurde besonders die der Übersetzung folgende Betitelung und das Ankündigungsfoto kritisiert.

Die Diskussionen möchten wir an dieser Stelle im Kontext der Aufführungen in Wien, Hamburg und München fortsetzen und haben daher eine Auswahl der Stimmen, die sich im Vorfeld zu der Produktion äußerten, zusammengestellt: >> Weiterlesen

Jean Genet wird selten im deutschsprachigen Raum gespielt. Was interessiert Sie an diesem Autor?

Johan Simons: Als ich Kind war, wollte ich Missionar werden oder eine Art Nachfolger von Albert Schweitzer. In der Schule gab es eine schwarze Puppe, mit der Spenden für die Afrika Mission gesammelt wurden. Man warf Münzen durch einen Schlitz im Kopf, und dann nickte die Puppe zum Dank. Heute finde ich den Paternalismus und den Kolonialismus, die mit diesen Vorstellungen verbunden sind, natürlich unerträglich. Aber ich war Kind, Missionar zu werden war jedenfalls der erste Berufswunsch. Ab 13 kam mir dann der Glaube an Gott mehr und mehr abhanden. Für Genet habe ich mich zum ersten Mal in den 60er Jahren interessiert, als ich mich mit dem Existentialismus beschäftigt habe, und ich wusste, er war sehr befreundet mit Camus und Sartre. Nicht nur die künstlerischen Texte, sondern auch die politischen Statements Genets wurden viel diskutiert: Er sympathisierte mit der RAF und mit der FLN, der algerischen Befreiungsfront, er war fasziniert und hatte Kontakt mit der Black Panther Bewegung, schrieb auf Einladung der PLO über den Kampf der Palästinenser. Er hat sehr streitbare, auch fragliche politische Positionen eingenommen, zum Beispiel ein völlig ungebrochenes Verhältnis zur revolutionären Gewalt. Er war – glaube ich – der Meinung, dass ohne Gewalt Revolten nicht glücken können. »Die Neger« schrieb er 1958, ein zentraler Text, ein wichtiges Stück zum Thema kolonialer Gewalt. >> Weiterlesen

Probenfotos der Generalprobe im Akzenttheater Wien des Stückes: DIE NEGER von Jean Genet Eine Koproduktion der Münchner Kammerspiele mit den Wiener Festwochen und dem Schauspielhaus Hamburg Regie: Johan Simons, Bühne: Eva Veronica Born, Kostüme: Greta Goiris, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Koen Tachelet, Rita Thiele Mit: Felix Burleson, Karoline Bär , Benny Claessens, Stefan Hunstein, Hans Kremer, Anja Laïs, Christoph Luser, Oliver Mallison, Maria Schrader, Bettina Stucky, Edmund Telgenkämper, Kristof Van Boven, Jeff Wilbusch, Gala Winter

Interview mit Johan Simons, Regisseur, und Simon Njami, Kurator.

Aus: KulturSPIEGEL 04/2014.

Simons, 67, und Njami, 52, kannten sich vor diesem Gespräch nicht. Dennoch sagten beide spontan zu, als wir sie einluden, über die Rolle von Schwarzen in der Kunst zu diskutieren. Die beiden Vielbeschäftigten trafen sich in Frankfurt am Main, wenige Tage vor Eröffnung der von Njami kuratierten Ausstellung »Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler« im Museum für Moderne Kunst. Johan Simons machte einen Zwischenstopp auf dem Weg von seinem holländischen Heimatort nach München, wo er die Kammerspiele leitet. Am Nachmittag sollte dort eine Vorbesprechung zu seiner nächsten Inszenierung »Die Neger« stattfinden.  >> Weiterlesen

von Edmund White

Die letzten drei Stücke Genets – »Der Balkon«, »Die Neger« und »Die Wände« – entstanden in einem äußerst angespannten politischen Klima. Der Algerienkrieg tobte zwischen 1954 und 1962. 1954 führte die französische Niederlage in Dien Bien Phu zur Anerkennung der Unabhängigkeit von Nord- und Südvietnam durch Frankreich. In Ägypten operierte Nasser im Nahostkonflikt mit der Liga der Arabischen Staaten, die sich für einen Panarabismus in der ganzen islamischen Welt stark machte. Die Westeuropäer fürchteten (oder erhofften) einen unmittelbar bevorstehenden Einmarsch der Sowjetrussen, besonders nach deren Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956. >> Weiterlesen